Glanzstücke der "Materialien zum Bericht zur Lage der Nation" sind die letzten Kapitel über Bildung und Ausbildung und über die Situation der Jugend gewiß nicht. Aber dies kann man den Verfassern kaum ankreiden. Sie können darauf verweisen, daß bereits zu Zeiten der Großen Koalition von der Regierung zwei vergleichende Berichte über die Entwicklung von Bildung, Wissenschaft und Forschung in den beiden deutschen Staaten vorgelegt worden sind. Und was die Passagen über die Jugend betrifft, so waren die Quellen hier wie dort offensichtlich wenig ergiebig.

In der DDR hat die Reform des Bildungswesens sehr viel früher und konsequenter begonnen. Daher rührt die Neigung, von ihren Erfahrungen bei allen grundsätzlichen gesellschaftlichen und politischen Unterschieden zu profitieren, und diese Neigung ist um so stärker, als beide Staaten meinen, die Förderung von Wissenschaft, Forschung, Bildung und Ausbildung stärke die wirtschaftliche und soziale Leistungskraft. Die Anerkennung des Faktors Bildung als Treibsatz für technischen Fortschritt und wirtschaftliches Wachstum ist gesamtdeutsches Gemeingut.

In der Tat läßt sich von der DDR einiges lernen. Die Planung der Berufsausbildung ist dort präziser, die Berufsausbildung selbst intensiver, die Ausbildungsordnungen und Berufsbilder sind fast alle den Bedingungen der modernen Industriegesellschaft angepaßt worden, die "Durchfallquote" bei den Lehrlingen ist weitaus geringer als in der Bundesrepublik, der relative Hochschulbesuch größer.

Welche Anstrengungen die DDR auf sich genommen hat, beweist ein Beispiel, daß sich in einem anderen Kapitel der Materialien findet: Trotz des großen Aderlasses an hochqualifizierten Arbeitskräften vor dem Bau der Berliner Mauer dürfte, so der Bericht, "der Akademikeranteil an den Erwerbspersonen in der Bundesrepublik von dem in der DDR erreicht, wenn nicht übertroffen worden sein". Hinzu kommt die größere Zahl von Fachschulabsolventen.

Doch gerade am Stichwort "Fachschule" können sich die Geister scheiden. Zwar will man in der DDR langfristig verwendbare theoretische Grundkenntnisse vermitteln, doch ist (die gesamte Bildungspolitik auf zunehmende Spezialisierung ausgerichtet. Nachwuchs soll vor allem für die Wachstumsindustrien ausgebildet werden. Das Bildungsangebot im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich wird immer breiter; die Zahl derer, die technische Wissenschaften studieren, klettert von Jahr zu Jahr; theoretische und praktische Ausbildung werden immer enger verknüpft; Kenntnisse und Fähigkeiten sollen unmittelbar in der Praxis angewendet werden können. Aber – die Planung des Arbeitskräftebedarfs hat die Freiheit der Studienwahl stark eingeengt.

Auf eine reine Tatbestandsaufnahme eingeschworen und ideologischen Vergleichen abhold, hüten sich die Verfasser der "Materialien" davor, der Frage nachzugehen, ob diese Bildungspolitik neben ihrem unmittelbaren ökonomischen Nutzeffekt nicht auch allgemeinen politischen Nutzen abwirft: Wird hier der Nachwuchs als Ersatzrädchen für die zentral gelenkte gesellschaftliche Maschinerie eingeschliffen – für eine Gesellschaft aus Spezialisten, die über ihr Fachgebiet nicht hinausdenken können und wollen, kurz: für einen Ameisenstaat? Obwohl auch in der Bundesrepublik unter dem Zwang der technisch-industriellen Entwicklung die Neigung wächst, in die gleiche Richtung zu gehen, ist die Diskussion noch in vollem Gange.

Bei aller Dürftigkeit der Belege führt auch das Kapitel über die Situation der Jugend von Einzelheiten ins Grundsätzliche. Auch hier hat die Gesellschaft in der Bundesrepublik kein reines Gewissen. Erst nach den Demonstrationen und Krawallen in den Universitätsstädten hat sie begonnen, die jungen Leute als soziale Gruppe zur Kenntnis zu nehmen und sich Gedanken darüber zu machen, welche Mitspracherechte ihnen in welchen Angelegenheiten eingeräumt werden sollten. In der DDR bestehen diese Möglichkeiten schon seit langem – sei es, weil die arbeitsrechtliche Stellung der Jugendlichen stärker ist, sei es, weil bei Zuerkennung der bürgerlichen und politischen Mündigkeit die Altersschwelle niedriger angesetzt wird, sei es, weil bestimmte Beteiligungsquoten in politischen und anderen Entscheidungsgremien eingeräumt werden.