Von Hans Joachim Deckert

Wie oft erlebt man“, steht im Prospekt, „daß Kinder, die im Augenblick noch lachen, gleich darauf ein Schmollmündchen ziehen.“ Die Schildkröt-Puppe „Susi“ kann das auch: „Durch ein Bewegen des linken Puppenarmes nach oben oder unten verändern sich die Gesichtszüge zu einem Lachen oder Schmollen.“ Das Lachen ist dem Vorstand im Hause Schildkröt vergangen.

Für Vorstandsmitglied Karl Heinrich Schulz, einen Altgeneralstäbler, der die aus dem Fließbandtakt geratenen Puppen zu neuen Verkaufserfolgen rekrutieren will, ist „Ruhe jetzt das Beste“. Doch die Branche bleibt unruhig; das Schicksal, des größten europäischen Puppenherstellers kann ihr nicht gleichgültig sein.

Die Schildkröt AG,Spielwarenumsatz 60 bis 70 Millionen Mark, mit einem Marktanteil bei Puppen von 20 Prozent, könnte über Nacht zum Brückenkopf eines ausländischen Konzerns Werden; Harald von Bohlen und Halbach von der zweiten Linie der Essener Krupp-Familie, Besitzer der Puppenfabrik in Mannheim, verhandelt nach mehreren Seiten und zögert, im reichen Onkel aus Amerika nicht nur die einfachste, sondern auch die beste Lösung zu sehen: „Sollen wir uns zum Rammbock machen lassen?“ Zusammen mit seinem Bruder Berthold regiert er die Bohlen Industrie AG, die vier Fünftel der Wasag-Chemie AG besitzt, zu der wiederum die Schildkröt gehört. Die Rammbockrolle war den Brüdern Bohlen schon einmal zugedacht gewesen.

Harald von Bohlen grübelt heute darüber nach, ob er sich nicht viele Sorgen erspart hätte, wenn er 1966 den amerikanischen Spielzeugkonzern Mattel, der sich mit mehr als einer Milliarde Mark Umsatz die Spitzenstellung der Branche mit der Line-Brothers Ltd., London, teilt, ungehindert das Spiel hätte machen lassen. Doch damals war die Schildkröt noch auf Expansionskurs, und Vorstandsmitglied Heinz Kox wollte sich sogar auf dem USA-Markt etablieren. Noch als Schildkröt-Vorstand Kox an den Mißerfolgen einer selbstbewußt verkündeten „realen Abschreckungstheorie“ längst gescheitert war, wollte sein Nachfolger Hans-Jürgen Kessler die Konkurrenz nicht recht ernst nehmen: „Wir beißen uns nicht“, stellte er fest und wußte zu berichten, die Ankleidepuppen nach „Barbie“-Art seien in der Gunst der Käufer stark abgefallen.

Als die Amerikaner Schildkröt nicht bekamen, setzten sie sich im hessischen Babenhausen mit einem eigenen Werk fest und gaben sich Mühe, das Mannheimer Panzertier zu überrunden. In diesem Jahr werden die hochmodischen Puppenspieler aus Los Angeles schon über 30 Millionen Mark deutschen Umsatz machen, gut die Hälfte davon mit Puppen und deren Kleidern. Schildkröts erster Platz kommt allmählich in Gefahr.

Eigentlich hatten die Brüder Berthold und Harald von Bohlen nie rechte Freude am Puppenspiel. Im vergangenen Jahrzehnt konnten sie nur dreimal eine angemessene Dividende erwirtschaften. Es fragt sich, ob das Engagement bei dem fast 100jährigen Mannheimer Unternehmen, bis 1966 als Rheinische Gummi- und Celluloid-Fabrik firmierend, sich gelohnt hat.