Von Nina Grunenberg

Düsseldorf

Im Getriebe der Kanzlerkandidaten, die auf dem 18. Parteitag der CDU Profilpflege trieben, suchte der eine nichts mehr für sich, und für den anderen war nichts mehr zu holen: Ludwig Erhard und Erich Mende, der eine ein Denkmal der Partei, der andere eine Fußnote in der Geschichte der CDU – und schließlich auch: ein ehemaliger Kanzler und sein Vizekanzler aus den Jahren 1963 bis 1966.

Für Ludwig Erhard hätte es der Ermahnung von Bruno Heck "Demokratie ist auch Steißarbeit" nicht bedurft. Am Präsidiumstisch saß er in sich versunken sein Pflichtpensum ab, und wenn ihn etwas in seinen Gedanken störte, dann höchstens sein Nachbar zur Linken, Kurt Georg Kiesinger, der sein Seelenbarometer nicht in Schach halten kann. Namen fallenzulassen, ist nicht Ludwig Erhards Art. In diesem Falle aber konnte er sich nicht enthalten: "Wenn er aus Tübingen kommt, ist er obenauf, und wenn er in Bonn sitzt, kriegt er Depressionen." Kiesinger ist wohl kaum Erhards Kandidat. Vielleicht Barzel? "Der wird eine gute Rede halten", sagt er am Vorabend von Barzels Auftritt, "das kann er immer in solchen Situationen."

Erhard ist Ehrenvorsitzender der CDU und Mitglied des Präsidiums. Aber mitunter macht er den Eindruck, als habe er vergessen, was ihn das alles noch angeben soll. Jeden Parteitag, den die CDU sich schuf, 18 insgesamt, hat er mitgemacht. Die angenehmste Erinnerung verbindet er mit jenem im Jahre 1965, der ebenfalls in Düsseldorf stattfand. "Damals stand ich mit in der Verantwortung und habe zur Gründung des deutschen Gemeinschaftswerkes aufgerufen und zur formierten Gesellschaft."

In der Suite des Düsseldorfer Parkhotels, Zimmer Nummer 476, ging ein Engel durchs Zimmer. Regierungsdirektor Braun, vom Bundeskanzleramt als Erhards Referent abgestellt, greift zum Whiskyglas. "Was ist eigentlich aus dem deutschen Gemeinschaftswerk geworden?" "Nichts", sagt Ludwig Erhard. "Man muß ja auch nicht alles gewaltsam ans Licht zerren, was mal auf einem Parteitag gesagt wurde."

Sind Programmparteitage überhaupt nützlich, solange es keinen Kanzlerkandidaten gibt? "Ach. Gott", sagt er und hebt kurz die feingliedrigen, alterszarten Hände, "Parteitage müssen sein." Er hat sich ein paarmal mit Konrad Adenauer darüber unterhalten: Daß ein Regierungschef und ein Minister nicht das Parteiprogramm konsultieren müssen, ehe sie eine Entscheidung fällen, darin waren sie sich einig.