Hemmschuhe gegen die Annäherung der beiden deutschen Staaten

Von Ernst Richert

Einige neue Bücher aus Ost und West verdeutlichen die Realität der DDR, von der man im Bericht "zur Lage der Nation" nur Bruchstückhaftes erfährt. Das fündigste Buch ist

"Soziologie im Sozialismus. Materialien der ‚Tage der marxistisch-leninistischen Soziologie in der DDR‘"; hrsg. vom Wissenschaftlichen Rat für Soziologische Forschung in der DDR; Dietz Verlag, Berlin 1970; 478 S., 8,50 M.

Im November 1969 trafen sich Sozialwissenschaftler unter der Leitung von Professor Erich Hahn vom ZK-Institut für Gesellschaftswissenschaften (IfG), um die wissenschaftlichen Untersuchungen zu sichten, die zu vielen gesellschaftspolitischen Themen vorlagen: innerbetriebliche Zustände, Verhältnis von Arbeitern und "Intelligenz", Frau und Familie, arbeitende Jugend, Lage in der Landwirtschaft. Diese Bestandsaufnahme, auch in der publizierten Fassung noch kritisch und freimütig, fördert überraschende Fakten zutage:

Die Sozialisierung der Produktionsmittel war nur ein erster revolutionärer Schritt. Worauf es nunmehr ankommt, ist die "Entwicklung des subjektiven Faktors" (so Hahn und Liehmann vom ZK-eigenen "Zentralinstitut für Sozialistische Wirtschaftsführung"). Dieser eigentliche Sozialisierungsprozeß – darüber waren sich alle im klaren – kann nur mit dem Willen der Bevölkerung, nicht gegen ihn durchgesetzt werden. Er beginnt in der Arbeits- und Leistungswelt, auf die schon die Schule vorbereitet. Durch Zusammenarbeit im kollektiven Arbeitsverband sollen die Menschen dahin gebracht werden, sich für das betriebliche und wirtschaftliche Gesamtgeschehen und überdies für den Staat als Gesamtverband und für die ganze Welt im Kampf zwischen Sozialismus und Imperialismus zu interessieren.

Aber da tun sich enorme Schwierigkeiten auf: Ein großer Teil der Arbeiterschaft verhält sich konservativ und stemmt sich gegen Neuerungen, wie sie die wissenschaftlich-technische Revolution mit sich bringt: gegen den Abbau veralteter Anlagen, gegen den Mehrschichtbetrieb, gegen die Elektronische Datenverarbeitung; sie nehmen lieber körperlich anstrengendere, altgewohnte Arbeit in Kauf, als daß sie sich umstellen und weiter qualifizieren.