Von Carl-Christian Kaiser

Was unter seiner Leitung entstand und dann als Bundestagsdrucksache Nr. VI 1690 der Öffentlichkeit übergeben wurde, ist über Nacht zu einem Bestseller geworden. Obwohl sie 10 000 Stück betrug, war die erste Auflage der "Materialien zum Bericht zur Lage der Nation 1971", die Peter Christian Ludz und seine Mitarbeiter zusammengetragen haben, binnen 48 Stunden restlos vergriffen. Inwischen ist die Nachfrage von Tag zu Tag so gewachsen, daß bis Mitte Februar mehr als 100 000 weitere Exemplare gedruckt werden sollen; später werden überdies einzelne Sachkapitel der Materialien als gesonderte Broschüren erscheinen. Übersetzungen ins Englische und Französische werden erwogen.

Dem Auflagerekord, mit dem sich kaum ein Erzeugnis der politschen Literatur und schon gar keine Bundestagsdrucksache messen kann, ist ein anderer Rekord vorausgegangen: Die Materialien, ausgebreitet auf rund 400 Druckseiten, sind innerhalb von nur sechseinhalb Monaten gesammelt und aufbereitet worden. Im Februar letzten Jahres fanden zwischen Professor Ludz und dem Ministerium für innerdeutsche Fragen als federführender politischer Instanz die ersten Vorgespräche statt; im Mai war das Team der Wissenschaftler im wesentlichen beisammen und konnte mit den Vorarbeiten beginnen; im Juni setzte die eigentliche Arbeit ein; Mitte Dezember war der Rohentwurf fertig.

Auch wenn dieser Rekord nicht zuletzt auf zahlreichen Vorstudien beruht, die unabhängig vom Auftrag der Bundesregierung angestellt worden waren, so mußten doch erst beträchtliche sachliche, methodische und auch einige politische Schwierigkeiten überwunden werden. Die Gilde der DDR-Forscher und jene Wissenschaftler, die sich mit der Entwicklung der Bundesrepublik befassen, hatten bis dahin nebeneinander gearbeitet; auf Kooperation und einen systematischen Vergleich der Verhältnisse in den beiden deutschen Staaten waren sie kaum eingestellt.

Zum anderen mußte sich die wissenschaftliche Arbeitsgruppe, die dann ans Werk ging, aus Vertretern ganz verschiedener Disziplinen zusammensetzen. Sie bestand aus zwei Ökonomen unterschiedlicher Fachrichtung, einem Jugendpsychologen, einem Erziehungswissenschaftler sowie den Direktoren des Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts der Gewerkschaften und des Instituts für Arbeits- und Berufsforschung. Ludz selber ist Soziologe und Politologe. Ähnlich vielfarbig war der akademische Hintergrund der 45 zusätzlichen Mitarbeiter. Sie alle mußten sich nicht nur an gemeinsame Grundaxiome und ein gemeinsames Wissenschafts Verständnis samt den damit verbundenen Methoden einigen, sondern auch auf viele Details, die bis in semantische Gefilde reichten.

Ludz macht keinen Hehl daraus, daß auch die Politiker, obwohl zur Auftragserteilung an die Wissenschaftler entschlossen, einige Skepsis hegten, ob das Vorhaben überhaupt realisierbar sein würde. Dabei schwang die Erinnerung an jenen übereilten und schließlich dilettantisch anmuterden Versuch mit, schon für den vorjährigen Lagebericht eine vergleichende Dokumentation über die Lebensbedingungen, die internationale Position der Bundesrepublik und der DDR und die innerdeutschen Beziehungen vorzulegen. Die erste Fassung dieser Dokumentation mußte eingestampft werden. Sie erschien später nur noch als Torso. Oppositionsführer Barzel hatte ihn damals als eine Arbeit abqualifiziert, die ein historisches Seminar kaum angenommen hätte. Hinzu kamen Bedenken der Ministerialbürokratie, die Restbestände ihres Begriffsvorrats aus der Zeit des Kalten Krieges durch ein nüchternes "Ist" zu ersetzen.

Alle diese Schwierigkeiten und Einwände verblaßten jedoch bald vor dem Vorsatz, mit der innerdeutschen Bestandsaufnahme ernst zu machen. Wenngleich es oft "erbitterte Diskussionen" (Ludz) gab, so kam es doch nie zu einem ernsthaften Dissens – weder zwischen den Wissenschaftlern noch zwischen ihnen und jenem vorwiegend aus einflußreichen Ministerialen bestehenden "Politischen Gesprächskreis" unter Leitung des Kanzlerberaters Leo Bauer, der als Verbindungsmann zwischen den Wissenschaftlern und den Politikern diente. Im Gegenteil: Zwischen den auf lupenreine sachliche und methodische Konsequenz dringenden Wissenschaftlern und den an der aktuellen Situation und den Regierungszielen orientierten Politikern gab es oft Debatten, die im Nachhinein beide Seiten as Musterbeispiel kritischer Kooperation von Wissenschaft und Politik empfinden.