Viersen

Viersen, linksrheinisch und katholisch, hat seinen Skandal. Was sich zunächst als ein schulinterner – Fall anließ, wurde inzwischen zur öffentlichen Affäre. Im Mittelpunkt stehen der 28jährige Aushilfslehrer Herbert Pauen, der 43jährige Oberstudiendirektor Wolfgang Ott und die Düsseldorfer Bezirksregierung.

Pauen unterrichtete seit dem Januar 1970 in fünf Klassen der Berufsbildenden Schule in Viersen. Sein Unterricht galt bis zum Oktober vergangenen Jahres als Schulpraktikum. Dadurch kam er in den Genuß eines Landesstipendiums. Pauen, der sich nach einer Schreinerlehre zum Sozialarbeiter ausbilden ließ und dann drei Jahre in der Jugendfürsorge und an einer Sonderschule arbeitete, möchte seinen Bildungsweg mit dem Examen als Lehrer an berufsbildenden Schulen mit Schwerpunkt Sozialpädagogik abschließen.

Die Lehrtätigkeit Pauens in Viersen ließ sich gut an. Schulleiter Ott bestätigte dem Aushilfslehrer pädagogisches Geschick: ein Stipendium in Höhe von monatlich 900 Mark wurde bewilligt. Pauen schrieb sich daraufhin als Student an der Ruhr-Universität in Bochum ein. Auf Bitten Otts unterrichtete er auch dann noch in Viersen. An der Schule, in der 15- bis 16jährige Mädchen in zwei Jahren die mittlere Reife erlangen können, wurde Pauen in der Abteilung Sozialpädagogik und Hauswirtschaft eingesetzt.

Im November schlug Pauen in zwei Mädchenklassen vor, über ein aktuelles Thema zu diskutieren. Über vortastende Fragen rutschte das Gespräch bald auf den zentralen Punkt: auf Probleme der Sexualität. Pauen empfahl schließlich den Teenagern zur privaten Lektüre das Aufklärungsbuch des Dänen Bent H. Claesson: Sexualinformation für Jugendliche, erschienen in einem Frankfurter Verlag. Nachdem er diese Schrift zur Ansicht durch zwei Klassen hatte laufen lassen, erbot sich Pauen, interessierten Mädchen das Buch zu besorgen.

Die Zahl 13 wurde dem Aushilfslehrer zum Verhängnis: Soviel Mädchen bestellten das Buch, und damit nahm dann der ganze Fall einen lawinenartigen Verlauf. Kaum war die Aufklärungsschrift in die Hände der Schülerinnen gelangt, da beschwerte sich ein Elternpaar, deren Tochter allerdings das Buch nicht bezogen hatte, bei Direktor Ott. Der Ruch der Pornographie, den die Eltern aus den Erzählungen ihrer Tochter vernommen hatten und den sie Direktor Ott vortrugen, ließ den Schulleiter aktiv werden. Pauen händigte seinem Chef ein Claesson-Exemplar aus, machte jedoch direkt darauf aufmerksam, daß er dieses Buch nicht für Unterrichtszwecke verwendet habe.

Nach der Lektüre befand der Diplom-Handelslehrer Ott, daß Pauen mit dieser Sexualinformation danebengegriffen habe. Er stellte das Buch in Frage und hielt es für obszön. In der Tat ist das 144-Seiten-Werk keine Erbauungsliteratur, sondern schildert mit großer Offenheit, reich bebildert, alle Bereiche der Sexualität: von den Geschlechtsorganen über Petting, Beischlaf und Schwangerschaftsverhütung bis hin zu Abtreibung und Geschlechtskrankheiten.