Von Andreas Kohlschütter

Die unheilvolle Geschichte des polnischen Dezemberaufstandes schien sich zu wiederholen, als letzte Woche in Danzig und Stettin von neuem Arbeiter, Eisenbahner und Verkehrsbedienstete streikten, als wiederum verbitterte Proletarier sich in den Werften verbarrikadierten, rote Fahnen hißten und politische Ultimaten stellten. Die Parallelen waren verblüffend. Der Unterschied aber zwischen dem senil gewordenen Machtverweser Gomulka und dem kraftbewußten Macht-Manager Gierek war entscheidend für den guten Ausgang der zweiten Krisenrunde.

Giereks Direktintervention kam spät, aber noch zur rechten Zeit. Sie muß als großer persönlicher Erfolg für den neuen Parteichef und sein Krisenmanagement gewertet werden, denn die gefährlich angespannte Lage hat sich in den beiden Ostseestädten sofort nach seinem Blitzbesuch beruhigt. Vor allem aber hat Giereks Aussprache mit den Arbeitervertretern – sie dauerte in Stettin neun Stunden – bewiesen, daß der im Dezember angesagte Kurs der inneren Versöhnung weitergeht. So ehrte jetzt Gierek in Stettin die Toten des Weihnachtsaufstandes durch eine Schweigeminute und versprach ausdrücklich Straffreiheit für die Führer der Streikbewegung.

In den vergangenen Wochen waren aus dem Warschauer Parteiapparat und auch aus den Provinzen verschiedentlich Rufe nach der "starken Hand" laut geworden, nach jener "Ruhe und Ordnung", die sich Dogmatiker zu allen Zeiten wünschen. Die Orthodoxen betrachten es als eine kommunistische Erbsünde, wenn ein KP-Chef sich rebellierenden Arbeitern gegenüber gesprächsbereit und konziliant zeigt und eine solche Herausforderung der Parteidiktatur nicht einfach niederschlagen läßt. Gierek hörte nicht auf diese Stimmen. Er ließ sich von den Befürwortern eines harten Kurses weder in die Enge treiben noch die Initiative entreißen.

Einen bemerkenswerten und politisch bedeutsamen Erfolg können aber auch die Arbeiter an der Ostseeküste für sich buchen. Sie erhofften das direkte Gespräch mit dem Parteichef, das sie seit dem Dezember-Aufstand gefordert hatten. Ihr Selbstbewußtsein und Vertrauen in politische Eigenkraft haben sich noch verstärkt.

Wie erwartet hat Gierek auf den Ostseewerften weder die wirtschaftlichen noch die politischen Forderungen der Arbeiter voll befriedigen und erfüllen können. Ganz offen sprach der Parteichef aus, daß er wirtschaftlich einfach nicht mehr geben kann, weil sich das Land "in einer Sackgasse" befindet. Zu den massiven Lohnerhöhungen und anderen materiellen Verbesserungen, wie sie in Danzig und Stettin verlangt worden waren, wird es also in nächster Zeit kaum kommen. Auch im Hinblick auf die in Stettin geforderte Reorganisation des Partei-, Staats- und Gewerkschaftsapparates scheint Gierek keine konkreten Zusagen gemacht zu haben, die über die bereits angekündigte Dezentralisierung gewisser Staatsorgane und die vage ventilierte Reaktivierung der alten Arbeiterräte hinausgehen.

Immerhin hat sich Gierek in Stettin und Danzig bereitgefunden, seine Aussprachen ohne gewerkschaftliche Zwischenhändler allein mit den Delegierten zu führen, die von den spontan und autonom entstandenen Arbeiterstreik-Komitees gewählt worden waren. Damit zollte der Parteichef den aus den Dezember-Unruhen hervorgegangenen Selbstverwaltungsgremien der Arbeiterschaft seinen Respekt und seine Anerkennung. Das bedeutet zwar noch keine Institutionalisierung, aber doch eine faktische und politisch gewichtige Aufwertung dieser Körperschaften. Der Ruf der Arbeiter nach "neuen Gewerkschaften" und "freier Wahl" der Gewerkschaftsvertreter blieb zwar noch unbeantwortet. Allein die Tatsache, daß Gierek in seinem Begleittroß keinen einzigen Gewerkschaftsfunktionär nach Stettin und Danzig mitnahm und den gesamten Gewerkschaftsapparat bei seinen Direktgesprächen mit den Arbeiterdelegierten links liegen ließ, kommt einer Einsicht des Parteichefs gleich, daß im polnischen Gewerkschaftswesen sehr vieles faul ist.