DIE ZEIT

Barzel liegt vorn

Die CDU hat den Machtwechsel in Bonn lange für eine Art historischen Betriebsunfall gehalten, der sich rasch beheben lasse. Eine Weile setzte sie auf den Bundesrat, um die linksliberale Koalition zu Fall zu bringen; dann hoffte sie, dies könne bei den Bundestagsabstimmungen in offener parlamentarischer Feldschlacht gelingen; schließlich erwartete sie das Heil von den Landtagswahlen.

Krieg ohne Regeln

Woche für Woche veröffentlicht das Pentagon die amerikanischen Gefallenenlisten. Niemand zählt die Bauern, Frauen, Kinder, die seit sechs Jahren der amerikanischen Kriegsmaschine in Indochina zum Opfer fallen.

Guinea-Greuel

Die Nachrichten aus Guinea machen schaudern. Erst das Tribunal im Sportstadion, eine finstere Justizgroteske. Dann die gesteuerten Ausbrüche des Volkszorns, das Geifern der Demagogen wie Sekou Tourés Halbbruder Ismael: „Für Kompromisse ist kein Raum mehr.

Hindernislauf nach Europa

Alles, was nach den ursprünglichen Plänen die Weiterentwicklung der westeuropäischen Sechsergemeinschaft zur Wirtschafts- und Währungsunion an politischem Automatismus enthalten sollte, alles auch, was davon an politischer Faszination auf die europäischen Völker hätte ausstrahlen können, ist für den französischen Staatspräsidenten pure Futurologie – ein Thema für die achtziger Jahre.

Nicht wehrlos

Ende dieser Woche tagen die Fraktionsspitzen der Freien Demokraten aus Bund und Ländern in West-Berlin. Wird für Ost-Berlin dies abermals Anlaß sein, den Autobahnverkehr mit Abfertigungsschikanen zu stören? Früher nahm die DDR nur Sitzungen von Bundestag und Bundesrat, allenfalls noch Tagungen von Bundestagsausschüssen zum Vorwand, den Berlin-Verkehr zu behindern.

ZEITSPIEGEL

In der ČSSR sind Geisteswissenschaftler heute politisch suspekt und unerwünscht. Prag droht zur unrühmlichen Kommandozentrale für ein Gebiet zu werden, das ein französischer Kommunist als „Biafra der Intellektuellen“ bezeichnet hat.

Ein Bestseller aus Bonn

Was unter seiner Leitung entstand und dann als Bundestagsdrucksache Nr. VI 1690 der Öffentlichkeit übergeben wurde, ist über Nacht zu einem Bestseller geworden.

Zweierlei Wirtschaftswunder

Die unvermeidlichen wirtschaftlichen Folgen der Teilung hat die DDR inzwischen weitgehend überwunden; die „Materialien zum Bericht zur Lage der Nation“ zeigen es.

Deutscher Bildungs-Dualismus

Glanzstücke der „Materialien zum Bericht zur Lage der Nation“ sind die letzten Kapitel über Bildung und Ausbildung und über die Situation der Jugend gewiß nicht.

Zweimal Deutschland in der Welt

Die im Jahr 1971 bestehenden völkerrechtlichen Einbindungen der Bundesrepublik in die westlichen, der DDR in die östlichen Bündnissysteme sind das Resultat der Nachkriegspolitik der ehemaligen Siegermächte gegenüber Deutschland, das Ergebnis der eigenständigen Politik der beiden deutschen Staaten und schließlich weltpolitischer Entwicklungen, die sich außerhalb der Deutschland berührenden Fragen ergeben haben.

Programmparteitag der CDU: Barzel auf der Strauß-Welle

Rainer Barzel war ausgezogen, das Herz der Partei zu gewinnen. Es war ihm nachgesagt worden, er vereinige taktisches Geschick mit rhetorischer Brillanz und politischer Übersicht, besitze aber nicht das Image des bedingungslosen Kämpfers und Gewinners; und: Er sei in der Fraktion praktisch die unbestrittene Führungsfigur, müsse aber in der Partei immer noch mit Vorbehalten rechnen.

Willy Brandt sorgte für eine Denkpause

Den schleswig-holsteinischen Sozialdemokraten widerfuhr, was bei ihnen ungewohnt ist: Es verschlug ihnen die Sprache. Als Willy Brandt am vergangenen Wochenende auf ihrem Programm-Parteitag in Flensburg seine ausführliche Rede zur Innenpolitik beendet hatte, meldete sich nur ein einziger Delegierter zu Wort.

Bonner Streitpunkt: Ungerechte Mieten

Als der Bundeskanzler vor Monaten die Wohnung ein Stück Heimat des modernen Menschen nannte, bekam er zu hören, er wolle damit von der Preisgabe deutschen Heimatlandes durch die Ost-Verträge ablenken.

Frist für Gierek

Die unheilvolle Geschichte des polnischen Dezemberaufstandes schien sich zu wiederholen, als letzte Woche in Danzig und Stettin von neuem Arbeiter, Eisenbahner und Verkehrsbedienstete streikten, als wiederum verbitterte Proletarier sich in den Werften verbarrikadierten, rote Fahnen hißten und politische Ultimaten stellten.

Kommt Zeit, kommt Friede

Das Wort von der Zeit, die Geld sei, gilt nicht nur für jene, die das mühselige Geschäft der Friedensstifter betreiben. Das war schon immer so, und deshalb nimmt es nicht wunder, daß sich die seit zwei Jahren in Paris tagenden Unterhändler aus Amerika und Vietnam jetzt zum 100.

Nixon rückt nach links

In seiner Jahresbotschaft über die Lage Amerikas hat Präsident Nixon dem Kongreß ein Reformprogramm übermittelt, mit dem er sich den sozialpolitischen Erfordernissen anzupassen versucht, die für die innere Entwicklung Amerikas seit einem Jahrzehnt maßgeblich sind.

Guinea – und nun?

Hätten in Guinea die sozialen, ökonomischen und politischen Verhältnisse geherrscht, zu deren Herstellung die Entwicklungshilfe beitragen möchte, wäre es kaum zu den erschreckenden Ereignissen von Conakry gekommen“ – so Erhard Eppler, der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit in einem Gespräch mit der ZEIT.

Taxen-Sheriffs

Ein Hang zum Rabiaten kennzeichnet das Gewerbe. Jahrelang gaben sich die Taxichauffeure als Verfolgte, weil der Gesetzgeber sich weigerte, die Todesstrafe wiedereinzuführen – überhaupt, vor allem aber für Mörder von Taxifahrern.

Entlassung verlangt

Viersen, linksrheinisch und katholisch, hat seinen Skandal. Was sich zunächst als ein schulinterner – Fall anließ, wurde inzwischen zur öffentlichen Affäre.

Am Rande des CDU-Parteitages: Die Partei braucht einen Leiter

Im Getriebe der Kanzlerkandidaten, die auf dem 18. Parteitag der CDU Profilpflege trieben, suchte der eine nichts mehr für sich, und für den anderen war nichts mehr zu holen: Ludwig Erhard und Erich Mende, der eine ein Denkmal der Partei, der andere eine Fußnote in der Geschichte der CDU – und schließlich auch: ein ehemaliger Kanzler und sein Vizekanzler aus den Jahren 1963 bis 1966.

„Dem Sex an den Kragen“

Michael Weissmüller, 54, erhebt seine Stimme, um den Besuchern, wie er sagt, „eine Probe meiner Redegewandtheit die vom Friedensengel kommt“, zu geben: „Ich bin der neue Führer Deutschlands, sobald meine Stunde gekommen ist.

Pleite in der Ärzte-GmbH

Aus Jamaica und aus den USA kamen Besucher in das Hugenottenstädtchen Neu Isenburg. Sie wollten an Ort und Stelle sehen und hören, wie das „Ärztehaus“ funktioniert, das drei Jahre lang Schlagzeilen gemacht hat.

Bayerischer Löwe frißt Münchner Kindl

München bangt um seine „Schandi“. Die blauuniformierten Stadtpolizisten mit dem Münchner-Kindl-Wappen sollen den Landpolizisten mit dem bayrischen Löwen am Ärmel Platz machen: Die kommunalen Hüter der Hauptstadt mit Herz, so zumindest will es die CSU-Landtagsfraktion, sollen dem bayrischen Innenminister als oberstem Dienstherrn unterstellt werden.

Die SED hat Kummer mit den Arbeitern

„Soziologie im Sozialismus. Materialien der ‚Tage der marxistisch-leninistischen Soziologie in der DDR‘“; hrsg. vom Wissenschaftlichen Rat für Soziologische Forschung in der DDR; Dietz Verlag, Berlin 1970; 478 S.

Guinea: 92 Todesurteile

Einen Tag nach der Urteilsverkündung sind am Montagmorgen vier der 58 „Feinde des guineischen Volkes“ durch den Strang hingerichtet worden.

Dokumente der ZEIT

12. Die Vertragschließenden treten keiner Allianz bei, die gegen den Vertragspartner gerichtet ist. Auch dürfen keine Truppen von Drittländern, welche dem Vertragspartner feindlich gesinnt sind, auf eigenem Territorium geduldet werden .

Bonn-Paris: Annäherung erzielt

Zu Wochenbeginn reisten Bundeskanzler Brandt und Außenminister Scheel mit einer Delegation zu den deutsch-französischen Konsultations-Gesprächen, die turnusmäßig alle sechs Monate stattfinden, nach Paris.

Militärputsch in Uganda

In der ostafrikanischen Republik Uganda haben Einheiten der Armee am Montag die Macht übernommen und Präsident Milton Obote abgesetzt.

Friedenspläne für Nahost

Bei den Nahost-Friedensgesprächen unter Vermittlung des UN-Beauftragten Jarring zeichneten sich in der letzten Woche einige minimale Fortschritte ab.

Berlin: Telefonverkehr

Zu ihrem vierten innerdeutschen Gespräch trafen sich am Dienstag die Staatssekretäre Bahr und Kohl in Ostberlin. Über die Themen und den Verlauf der fünfstündigen Begegnung wahrten beide Seiten Stillschweigen.

die Frankfurter Lokalpresse hinaus:: Ein Professor als Präsident gewählt

Nach der lex leonis, aufgestellt in dieser Zeitung am 30. Januar 1970, müßte von einem „drittelparitätisch“, das heißt zu gleichen Teilen aus Professoren, Assistenten und Studenten besetzten Wahlgremium, in dem sich die „Wahlmänner“ als Delegierte ihres Standes fühlen, immer ein Assistent als Präsident gewählt werden.

Peter Handkes sprachverschmutzter Bodensee

Im Programmheft kann man Peter Brueghels Genrebild der „Niederländischen Sprichwörter“ aufgeschlüsselt betrachten: Zu Peter Handkes neuem Stück „Ritt über den Bodensee“ scheint das gar keine schlechte Eselsbrücke zu sein.

Kunstkalender

Dieser Mann hat es fertiggebracht, seinen künstlerischen Ruf systematisch zu ruinieren. Die Art, wie er sich bis heute in Szene setzt, beweist nicht nur einen krankhaften Größenwahn, sein Auftreten ist geschmacklos, albern, und selbst die Leute, die ihm einmal applaudiert haben, finden den alternden Exzentriker nur noch lächerlich.

Über mich selber

Natürlich hatte man sich das früher anders vorgestellt. Ich besinne mich auf stille, wunderliche Wintertage in Berlin-Eichkamp, als ich mich übers Papier beugte, fest entschlossen, ein deutscher Dichter zu werden – nicht Offizier.

Der Fiedler spielt Bratsche

Wenn der Dorfgendarm mit leutseliger, aber schlecht gespielter Nimms-nicht-so-tragisch-Attitüde dem Milchmann Tewje und dessen jüdischen Mitbewohnern von Anatevka den Räumungsbefehl bringt und dieser sich zum Widerstand sogar gegen die Armee bereit erklärt; wenn dann der Vertreter der staatlichen Gewalt den Satz sagt: „Gegen unsere Armee – das würde ich dir nicht empfehlen“; wenn jetzt noch eine ganz, ganz kurze Pause folgt – dann glaubt in der Ostberliner Komischen Oper der Besucher aus dem Westen ein Knistern in der Atmosphäre zu verspüren.

ZEITMOSAIK

Im Jahre 1957 protestierten Schweinfurts Konservative gegen Tennessee Williams’„Katze auf dem heißen Blechdach“, weil es die Jugend verderbe, 1962 schoß die CSU gegen Brecht, dann gegen Rolf Hochhuth und Edward Bond – jetzt hat sie der Politbarde Franz Josef Degenhardt aufgebracht.

KRITIK IN KÜRZE

„Das verlorene Jahr“, Roman von L. Woiwode. Ein Mann liebt ein Mädchen, und wenn sie sich kriegten, waren früher die Romane aus und die Ehen glücklich.

Man muß auch was zu sagen haben

Hans Erich Nossack wird am 30. Januar siebzig Jahre alt. Und wenn uns diese Meldung ein wenig überrascht oder doch stutzig macht, so hängt das, glaube ich, mit einem literarhistorischen Sachverhalt zusammen: Es geht einfach darum, daß es fragwürdig, wenn nicht gar falsch ist, den Schriftsteller Nossack in der Nachbarschaft seiner Generationsgenossen zu sehen.

Intendantenwahl in Köln: Im Westen nichts Neues

Das monatelange Tauziehen um den Intendantenposten des Westdeutschen Rundfunks ist beendet. Für die nächsten fünf Jahre heißt der Chef der größten deutschen Sendeanstalt wieder Klaus v.

PZ für Frauen: Goldene Worte

Nicht zufällig hatte der Kanzler ihnen in seiner Regierungserklärung ein Plätzchen an der staatlichen Sonne eingeräumt (zwischen den Heilberufen und dem Bildungsurlaub): den Frauen dieser Bundesrepublik, denen, so das Kanzler-Wort, vom dieser Regierung dabei geholfen werden soll, "ihre gleichberechtigte Rolle in Familie, Beruf, Politik und Gesellschaft zu erfüllen".

Dreyer-Filme in Wien: Schule des Sehens

Die Geschichte des Films ist die Geschichte seiner Zerstörung. Filme, die vor wenigen Jahren von Millionen gesehen wurden, sind heute unauffindbar.

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