"Das verlorene Jahr", Roman von L. Woiwode. Ein Mann liebt ein Mädchen, und wenn sie sich kriegten, waren früher die Romane aus und die Ehen glücklich. Aber Ellen liebt Chris und Chris Ellen, und beide sind nicht glücklich. Sie haben zwar geheiratet, aber es ist nicht nur das verschiedene Milieu ihrer Familien, das es ihnen so schwer macht, sich einander mitzuteilen. Obwohl Chris modern und vorurteilsfrei ist, schleppt er insgeheim krasse, nackte Eifersucht mit sich herum, Eifersucht, die seine Sicherheit und seine Eitelkeit verletzt, Eifersucht auf das eine Jahr, das Ellen vor der Ehe für sich allein verlangt hatte, weil sie erfahren wollte, was sie wollen könnte. Das war nichts anderes als ein Leben mit Chris, aber ihn quält der Gedanke, ob nicht noch anderes in diesem "verlorenen Jahr" geschehen sein könnte, und ihn quält erst recht, daß er als ein die Emanzipation bejahender Mann gar keine Qual empfinden dürfte. Und dann nichts mehr: Landschaft wird beschrieben, See und tiefe Wälder, Hund und Enten und Versuche mit einem Jagdgewehr. Einsamkeiten. Ellen verliert das Kind, das auch von einem anderen stammen könnte, Chris weiß nicht genau, ob er auf Ellen hatte schießen wollen, und später, Jahre später, schreibt er: "Meine Gefühle für dich haben Jahr für Jahr zugenommen, aber dies ist etwas, was ich dir nicht sagen kann. Ich habe immer das Gefühl gehabt, daß etwas fehlt..." Vorsichtige Zurückhaltung vor Pathos, Patentlösungen und Moral zeichnet diesen Erstlingsroman aus, melancholische Distanz zu den beiden Liebenden, die sich nicht entscheiden können, wie sie sich zueinander und zu sich selber verhalten könnten; und manchmal kann sich der Autor doch nicht von dem Hinweis abhalten, daß niemand sicheren Boden unter den Füßen habe. (Aus dem Amerikanischen von Ursula von Zedlitz; Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg; 314 S., 24,– DM)

Sybil Gräfin Schönfeldt

"Niemandsland", Roman von Utta Danella. Vieles muß man zweimal lesen, weil man es auf Anhieb nicht fassen kann: das verkorkste Bewußtsein dieser Autorin und ihrer Ich-Erzählerin Iris Vorwarth. Iris, die im Geist schwer kriegsbeschädigte und ihrer Meinung nach moderne berufstätige Frau wie aus dem Bilderbuch" mit studierendem Sohn, leidet hauptsächlich unter der Vorstellung, den Tod ihres Mannes, eines franzötischen Comtes, gegen Ende des Zweiten Weltkrieges mitverschuldet zu haben. Mit penetranter Detailfreude zerbröselt sie ihr Leben und Wirken seit 1918, da ihre Mutter sie, "unter großen Schmerzen übrigens", geboren hatte. Die Lebensbeichte ist kokett, die Selbstkritik selbstgefällig, und ihre Mentalität ist so beschaffen, daß sie ernsthaft "schön" findet, folgendes zu hören: "Wie ein Mann, gnädige Frau. Ein aufrechter deutscher Mann, unbestechlich, unbeeinflußbar." Schlau verteilt die deutsche Frau Utta Danella die den fragwürdigen Schuldkomplex Iris’ betreffenden Erklärungen über den gesamten Roman, vermittelt zwischendurch ein bißchen Adels- und Wohlstandsatmosphäre und weiß auch einen Schuß "modernes Leben" einzusetzen: Sie läßt Iris in einer Galerie junge Künstler ausstellen (die allerdings bereit sind, bei der Eröffnung ihrer Ausstellung rücksichtsvoll den Bart abzunehmen). Regelmäßig auftauchende Stilblüten, pathetische große Worte, bei deren Konstruktion zu einem Satz die Autorin verständlicherweise oft den Überblick verliert, und pausenloser Widerspruch, was die Analyse der Begebenheiten betrifft, sind nicht geeignet, dieselben attraktiver zu machen. Ein fataler Stolz, im Besitz einer Vergangenheit zu sein, die schwieriger war als die Gegenwart der heutigen Jugend, gepaart mit leicht zornigem Neid auf die Nachkriegsgeneration macht Iris der Gegenwart gegenüber unfrei – ein Bewußtsein, das für große Teile der älteren Generation typisch sein dürfte, sonst wäre der Erfolg dieser Autorin (Gesamtauflage: zwei Millionen) auch kaum zu erklären. (Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg; 498 S., 25,– DM)

Christel Buschmann

"Mit dem Herz eines Löwen", Roman von Taylor Caldwell. "Saul verzog den Mund zu einem häßlichen und abstoßenden Lächeln." Da war der Christenverfolger, der Pharisäer und Zeltweber Saul noch nicht bis Damaskus gekommen. Die Bestsellerproduzentin Taylor Caldwell hat in ihren Paulus-Roman gewaltige Anstrengungen investiert. Das Buch dient abwechselnd als Religionsstunde und als Familienschmöker. Es enthält Hinweise auf gegenwärtige Widrigkeiten (Saul: "...diese kleinen Schwächlinge, die sich... Intellektuelle nennen!") und Touristeneindrücke aus einem anderen Jahrtausend. Ehe sich Maria und ihr Sohn dem späteren Apostel zeigen, sind die miesen Waren des Jerusalemer Markts zu sichten; billiges Parfüm, mißratene Gipspuppen, faulige Früchte und gefälschte Weine. Daß gerade Paulus heute oft eine schlechte Presse hat, als militanter Sexmuffel, das wird von der Verfasserin berücksichtigt, aber auch wieder nicht zu sehr. "Als ihre Lippen ihn berührten, durchzuckte ihn das Verlangen wie ein glühendes Messer." Die Sklavin stirbt bei der Geburt des einzigen Saulus-Sohns. Und später denkt der Apostel, der sich zum zweiten und letzten Male verliebt hat, dies: "Gewiß war die Ehe eine wunderbare Sache, aber manche Männer durften eben nicht heiraten..." (Aus dem Amerikanischen von Hans Erik Hausner; Paul Neff Verlag, Wien/Berlin; 634 S., 27,– DM)

Christa Rotzoll