Von Marcel Reich-Ranicki

Hans Erich Nossack wird am 30. Januar siebzig Jahre alt. Und wenn uns diese Meldung ein wenig überrascht oder doch stutzig macht, so hängt das, glaube ich, mit einem literarhistorischen Sachverhalt zusammen: Es geht einfach darum, daß es fragwürdig, wenn nicht gar falsch ist, den Schriftsteller Nossack in der Nachbarschaft seiner Generationsgenossen zu sehen.

Natürlich verbinden ihn mit den um 1900 Geborenen – von Erich Kästner über Anna Seghers bis zu Hermann Kesten – viele zeitgeschichtliche Erfahrungen und literarische Erlebnisse. Dennoch gehört er eben nicht zu den jetzt Siebzigjährigen, sondern in weit höherem Maße zu Autoren, die meist zehn bis zwanzig Jahre jünger sind als er – zu jenen also, die nach 1945 draußen vor der Tür standen und die Frage stellten: Wo warst du, Adam?

Sobald man ihn aber als Repräsentanten der Generation erkennt, die sich am stärksten im Werk Borcherts, in der Prosa des jungen Böll, in den Versen Günter Eichs, in den Erzählungen Arno Schmidts und Wolfdietrich Schnurres artikuliert hat, dann kommen neben dem, was Nossack mit ihnen offensichtlich gemein hat, zugleich auch seine Besonderheiten sehr deutlich zum Vorschein.

Nicht das Thema unterscheidet ihn von jenen, mit denen er etwa gleichzeitig zu publizieren begonnen hatte (Dichter der Katastrophe waren sie allesamt), und nicht sein Verhältnis zur Gesellschaft oder seine Auffassung von der Literatur (das moralische und zeitkritische Engagement war für sie alle selbstverständlich), sondern die Perspektive und die Sprache.

Während die anderen die leidenden Opfer der Geschichte in den Mittelpunkt rückten, sich mit ihnen identifizierten und aus ihrem Blickwinkel die Welt zeigten, erzählte Nossack aus der Sicht lediglich des Beobachters. Und während die Helden Bölls und Borcherts, Schmidts und Schnurres klagten und jammerten, schrien und fluchten, beteten und weihten, sprachen die zentralen Figuren Nossacks mit fast schon brüskierendem Gleichmut: Er ließ sie vor allem berichten. Denn er hielt es für angebracht, seine heftige und schmerzhafte Teilnahme am dargestellten Geschehen hinter scheinbarer Neutralität zu verbergen.

Verhör und Protokoll, Recherche, Rapport und Chronik – das waren somit seine Formen von Anfang an. Schon in Nossacks Band "Interview mit dem Tode" (1948) – nicht "Erzählungen" las man unter dem Titel, sondern "Berichte" – dominierte der dokumentarische oder, richtiger gesagt, der pseudodokumentarische Gestus, der in der bundesrepublikanischen Literatur erst viel später – zu Beginn der sechziger Jahre – Mode wurde.