Von Wolfgang Bartsch

Neu Isenburg

Aus Jamaica und aus den USA kamen Besucher in das Hugenottenstädtchen Neu Isenburg. Sie wollten an Ort und Stelle sehen und hören, wie das "Ärztehaus" funktioniert, das drei Jahre lang Schlagzeilen gemacht hat. Das heute aber als Beispiel dafür gilt, wie solch ein Unternehmen nicht organisiert und schon gar nicht finanziert werden kann. Das Haus nämlich, im Januar 1968 mit Lob- und Weihesprüchen der Abgesandten von Staat und Stadt eröffnet, floriert zwar prächtig – aber der Konkurs ist dennoch abzusehen.

Die Grundidee der zwölf Ärzte, die sich zu einer Ärztegemeinschaft zusammengeschlossen und die Ärztehaus-GmbH gebildet hatten, war nicht etwa eine Praxisgemeinschaft; ihre Praxen behielten alle Mediziner bei. Ihre Laboratorien hingegen, ihre diagnostischen und therapeutischen Apparate sowie das medizinisch-technische Personal legten sie zusammen. Sie hatten begriffen, daß jeder für sich allein die notwendigen modernen Geräte nicht finanzieren kann. Und die Bevölkerung von Neu Isenburg schätzt zwei Vorteile: Ob ein Blutbild gemacht werden muß, eine Blutzuckeruntersuchung oder ein Elektrokardiogramm – sie gehen ins Ärztehaus, ganz gleich, welcher Arzt es verordnet hatte. Braucht ein Neu Isenburger sonntags oder feiertags einen Arzt, so ruft er im Ärztehaus an. Zeit und Geld werden gespart.

Für mögliche Nachahmer hier der erste Hinweis: Neu Isenburg hat etwa ein Viertelhundert Ärzte; zunächst begannen zwölf, heute sind es sechzehn, die sich an dem Ärztehaus beteiligen. Wirklich sinnvoll ist die Sache aber erst, wenn sich eine größere Zahl von Medizinern zusammenbringen läßt – und wenn die alle ihre Laboruntersuchungen auch wirklich im Ärztehaus machen und nicht auf eigene Faust.

Die Achillesferse des ganzen Projektes, so zeigte sich mittlerweile immer deutlicher, ist ein Heilbad. Zwar wird es von den Patienten gern besucht, aber es lohnt sich nicht: Sowohl die Hypothekenzinsen als auch die Masseur- und Bademeistergehälter sind inzwischen schneller angestiegen als die erstatteten Krankenkassenbeträge, Neu Isenburg aber hatte das altersschwache städtische Bad sofort geschlossen, nachdem das Ärztehausbad eröffnet worden war. Die Subventionen spart die Gemeinde seither ein. Ein Heilbad ist jedoch nur dann rentabel, wenn die Gemeinde rechtzeitig Subventionen zusichert.

Bis zur Fertigstellung des Hauses waren die Baupreise um vierzig Prozent angestiegen – von einer Million auf 1,4 Millionen Mark; Als sich herausstellte, daß zur Finanzierung noch 541 000 Mark fehlten, gaben die Mediziner ihrer GmbH zinslose Darlehen zwischen 35 000 und 60 000 Mark pro Praxis. Zwar ist formal die GmbH der Schuldner, aber die Ärzte haben kaum eine Chance, ihr Geld jemals wiederzusehen. Und als vor einigen Tagen Neu Isenburg die Grundsteuer, Strom- und Wassergebühren anmahnte, mußte die Ärztegemeinschaft um Stundung bitten. Eine Unterredung zwischen dem Sozialminister des Landes Hessen und Krankenkassenverband ist für die zweite Hälfte Februar angesetzt; bis dahin aber kann der Ärztehauskonkurs schon angemeldet sein. Im Wiesbadener Sozialministerium spricht man von "Geschäftsrisiko". Bei einer GmbH handle es sich um ein wirtschaftliches Unternehmen, der Staat könne da nichts machen.