Die Geschichte des Films ist die Geschichte seiner Zerstörung. Filme, die vor wenigen Jahren von Millionen gesehen wurden, sind heute unauffindbar. Nicht bloße Gleichgültigkeit hat sie vernichtet, sondern die Eifersucht der Industrie auf ihre eigenen Erzeugnisse. Der Konsument muß glauben, daß alte Filme lächerlich seien, damit er die neuen ernst nehmen kann.

Die einzige Stelle im deutschen Sprachbereich, die ständig und systematisch alte Filme zeigt, ist das österreichische Filmmuseum in Wien. Es konserviert Filme nicht nur, es zeigt sie auch, und nicht nur zu besonderen Gelegenheiten. Der Filmsaal der Albertina ist das beste Kino zwischen Etsch und Belt: eine wirkliche Schule des Sehens.

Im Januar-Programm: Das Gesamtwerk von Carl Theodor Dreyer. Alle vierzehn Spielfilme des großen dänischen Regisseurs, vom "Präsidenten", 1919, bis "Gertrud", 1965; in tadellosen Kopien auch die meisten der neuen Stummfilme; vorgeführt mit der richtigen Bildfrequenz (also nicht wie bei uns im Fernsehen mit anderthalbfacher Geschwindigkeit).

Vierzehn Filme aus fünf Jahrzehnten – nicht als isolierte Werke, sondern im Zusammenhang gesehen, sind sie ein lebenslanger Kampf. Dreyers Zorn galt der herrschenden Moral und der Staatsräson, überhaupt dem Anspruch der Gesellschaft auf den Einzelnen; er glaubte an dessen Fähigkeit, seine Grenzen zu überschreiten. Die meisten seiner Filme handeln davon: von der unerlaubten Liebe eines Einzelnen, meistens einer Frau, einem amour fou, der nicht auf Erwiderung und Anerkennung rechnet, der den Liebenden aufs Schafott oder in die Einsamkeit führt. Liebe als Revolte, Grenzüberschreitung, Perversion: die Heilige ("La Passion de Jeanne d’Arc") und die Hexe ("Dies irae") sind Schwestern, einen Verrückten ließ Dreyer ein Wunder tun ("Ordet"), und Jesus wollte er als "Provokateur und großen Realisten" zeigen.

Dieses, sein größtes Projekt, an dem er dreißig Jahre arbeitete, ohne einen Geldgeber zu finden, dokumentierte in Wien ein Fernsehfilm, den der Leiter des dänischen Filmmuseums realisiert hat. Ihm ist es gleichfalls zu verdanken, daß auch die lange Zeit verschollenen Filme Dreyers wieder vorhanden sind und gezeigt werden können.

Enno Patalas