Von Horst Krüger

Natürlich hatte man sich das früher anders vorgestellt. Ich besinne mich auf stille, wunderliche Wintertage in Berlin-Eichkamp, als ich mich übers Papier beugte, fest entschlossen, ein deutscher Dichter zu werden – nicht Offizier. Das war so mit siebzehn, fast wie bei Kiesinger damals, vermute ich.

Dürer hing bei uns an der Wand: die betenden Hände. Die Unbekannte aus der Seine hing an der Wand, etwas bläßlich im Marmor. Nietzsche hing in meinem Zimmer an der Wand, ein preußischer Schnauzbart in zierlichem Goldrahmen. Hölderlin stand auf dem Tisch, in Büchern. Mama saß im Sessel daneben und nickte nicht ohne die liebende, stolze Teilnahme, die deutsche Mütter in so delikaten Fällen zeigten.

Sie war etwas besorgt, meines Höhenflugs wegen. Tatsächlich schrieb ich damals einen steilen Künstlerroman um Vincent van Gogh. Das "um" war sehr wichtig. Ich glaube, das Werk hieß "Wahnsinnige Glut" und war denn auch so, zum Zerreißen, zum Herzzerreißen. Eine Art Hör-zu-Roman von Springers Zeit. Hör zu, Mama: ... und Vincent ließ den Pinsel fallen.

Also das, und vieles mehr, blieb der Welt erspart, der Welt und mir. Aber immerhin, man schreibt doch sein Zeug, immer noch, immer wieder. Man tippt das Papier voll. Man hat eine Meinung, eine Glosse, ein Feuilleton, einen kleinen Ulk zu verkaufen, schlichtere Sachen, ein Bauchladen moralischer Resonanz, der manchmal etwas vibriert vor Bosheit. So ein Papiergeschäft, schmaler Einzelhandel, wirft auch seine Groschen ab und findet seine Leser: lauter Laufkundschaft. Es bilden sich kleinste Grüppchen, die manchmal stehen bleiben, die sagen: Wie schön, wie nett, nur mehr, wer sind Sie denn, mein Herr? Es kommt also Echo zurück: Schreiberecho, Leserecho. Man kommt unter die Leute, wird etwas bekannter – oder täusche ich mich? Woran erkennt man denn, was man Publizität nennt, in seinen Grenzen?

Es fängt mit den Irren an, würde ich sagen. Man glaubt gar nicht, wie viele alleinstehende und kontaktfrohe Schizophrene es gibt, die auf Publizistik ansprechen. Sie schreiben einem diese wunderlichen Briefe, die Psychiater sofort mit einem spröden Lächeln beiseite legen: manieriert, abstrakt, verschroben, eben irre. Irre lang, irre kurz. Die Regelmäßigkeit des Posteingangs bestürzt. Schon beim öffnen des Briefkastens morgens sieht man sein blaues Kuvert, seit drei Wochen täglich. Da ist er ja wieder, mein Freund. Wie mag es ihm heute gehen? Einer – war es ein anderer? – versuchte es letzten Sommer telephonisch. Er hatte sich auf wortlose Gespräche spezialisiert. Irgendwie muß ich bei seiner Lektüre in sein Wahnsystem geraten sein. Er rief jedenfalls fast zwei Monate an, täglich einmal. An seinem heimtückischen Schweigen war er sofort zu erkennen. Er atmete nur immer schwer wie ein Asthmatiker, röchelte. Es klang wie Schnarchen. Manchmal schien er nach Kinderart einsame Seifenblasen zu pusten. Dann rauschte es leise im Hörer, es gab einen zarten Knall, dann kicherte er und hing auf. Ich frage mich: Sind das keine Vorzeichen?

Gleich nach den Irren kommen nach meiner Erfahrung die Germanisten. Es ist, schreibend, einfach unmöglich, ihrer Aufmerksamkeit, Teilnahme und grammatikalischen Fürsorge zu entgehen. Man muß bei den Germanisten die Literaturwissenschaftler, die Philologen, die Lexikonleute und die Übersetzer unterscheiden, doch geht das im Posteingang durcheinander. Die Lexikonleute schicken meist etwas angestaubte Großformulare, aus Oxford oder Ostberlin, zum Aufklappen wie Generalstabskarten. Unter 27 b stellt sich die Frage: Bitte alle Bücher angeben, in denen Sie als Ko-Autor mitwirkten. Erscheinungsjahr? Erscheinungsort? Herausgeber? Wieviel Seiten? Wieviel Auflagen? In welche Sprachen wurde die Sammlung übersetzt? Bitte fügen Sie Rezensionen bei, steht in Klammern. Man kommt also ins Schwitzen.