Der West-Berliner CDU-Politiker und Oppositionschef Heinrich Lummer schrieb einen Brief an die falsche Adresse: Er protestierte bei Bundesverkehrsminister Leber gegen die Erfolge Ost-Berlins im Flugverkehr von und nach Berlin. Für die Verhinderung dieser Erfolge aber ist das Auswärtige Amt zuständig – internationaler Flugverkehr ist Politik, im Falle Berlin sogar eine "politisch höchst komplizierte Materie" (FAZ).

Die Materie ist so kompliziert, weil West-Berlins Flughäfen für die Fluggesellschaften der Alliierten (PanAm, BEA und Air France) reserviert sind, während Ost-Berlins Flughafen Schönefeld jedermann offensteht – vorausgesetzt Regierung und Luftfahrtgesellschaft des betreffenden Landes haben sich mit den DDR-Behörden geeinigt.

Als einzige westliche Fluggesellschaft hat bisher die österreichische AUA (Austrian Airlines) mit Ost-Berlins Interflug gegenseitig Landerechte vereinbart. Die weiteren Kandidaten für Landerechte in Schönefeld aber haben sich bereits gemeldet. Es sind die skandinavische Gesellschaft SAS und die italienische Alitalia.

Lummers Befürchtungen sind richtig: Die Luftverkehrserfolge Ost-Berlins gehen zu Lasten West-Berlins. Denn der östliche Flughafen wird von westlichen Reisenden schon heute immer mehr bevorzugt. Der Grund: Flüge ab Schönefeld sind 50 bis 75 Prozent billiger als Flüge von West-Berlin zu den gleichen Zielen.

Für die westlichen Luftfahrtgesellschaften ist Ost-Berlin attraktiv, weil es für sie zur Zeit gar keine andere Möglichkeit gibt, Berlin anzufliegen. Das mit über 5,5 Millionen Passagieren recht lukrative Berlin-Geschäft haben die Alliierten für ihre Fluggesellschaften monopolisiert.

östliche Konkurrenz ist für West-Berlin heute allerdings noch nicht sehr gefährlich. Denn den westlichen Flugzeugen, die zu Niedrigpreisen in Schönefeld starten, werden Landerechte in dritten Ländern nicht gewährt.

So wird die AUA, wenn sie im Herbst ihre Linie nach Ost-Berlin bedient, nur zwischen Schönefeld und Wien pendeln. Für die Berliner, für Reisende aus dem norddeutschen Raum und aus Skandinavien aber hieße es heute schon Geld verschenken, wenn sie ihre Flugreise nach Wien nicht via Ost-Berlin buchten. Die DDR-Gesellschaft Interflug, die den Verkehr auf dieser Strecke schon aufgenommen hat, bietet den Hin- und Rückflug für 160 Mark an (ab/an West-Berlin 414 Mark).