Das Theater darf nicht danach beurteilt werden, ob es die Gewohnheiten seines Publikums befriedigt, sondern danach, ob es sie zu ändern vermag.

Bertolt Brecht

Theaterkrach mit Degenhardt

Im Jahre 1957 protestierten Schweinfurts Konservative gegen Tennessee Williams’"Katze auf dem heißen Blechdach", weil es die Jugend verderbe, 1962 schoß die CSU gegen Brecht, dann gegen Rolf Hochhuth und Edward Bond – jetzt hat sie der Politbarde Franz Josef Degenhardt aufgebracht. Staatssekretär Lauterbach vom bayrischen Kultusministerium rügte soeben den seit vierzehn Jahren erfolgreichen Schweinfurter Theaterleiter Dr. Fuhrmann, weil er "das Theater der Stadt zu einem kommunistischen Forum" gemacht habe, denn es habe "von der Bühne herab klassenkämpferische Politagitation in linksextremer Form" stattgefunden, auch für die Unterstützung des Vietcong habe Degenhardt gesungen und sogar mit einer Spende von 200 Mark für die DKP geworben. Die CSU verlangt deshalb grundsätzlich Einfluß auf die Spielplangestaltung: Sonderveranstaltungen wie der Degenhardt-Abend sollen vom Schul- und Kulturausschuß genehmigt werden. Theaterleiter Fuhrmann erfuhr jedoch spontan Stärkung: Die Klasse 13 der Olympia-Morata-Schule ermunterte ihn in einem Leserbrief, nicht aufzugeben, damit Schweinfurt nicht auf "das Niveau einer Provinzbühne" falle.

Neuer alter Kunstpreis

Nachdem die Zeiten von Künstler-Dank und Kammermusik bei Kunstpreis-Verleihungen endgültig vorbei sind, macht man sich landauf, landab verzweifelt Gedanken darüber, wie man, wie es im Englischen so schön heißt, den Kuchen essen und ihn dennoch behalten kann (denn in wenigstens diesem einen Punkt sind sich verunsicherte Verteiler und protestierende Empfänger einig: das Preis-Geld soll erhalten bleiben). In Berlin, wo bisher im Rahmen des "Berliner Kunstpreises" jährlich in zwei Sparten sechs Preise vergeben wurden (ein Hauptpreis zu 10 000 Mark und ein Preis "Junge Generation" zu 5000 Mark), hat man sich jetzt entschlossen, jährlich nur noch zwei mit je 15 000 Mark dotierte Hauptpreise zu vergeben (in diesem Jahr für Bildende Kunst und Architektur) und die restlichen 60 000 Mark für Stipendien zu verwenden. Das scheint eine Lösung, durch die die absurde Jagd auf jährlich zwölf Festochsen vernünftig zum guten Ende kommt.

Josefines Freuden und Leiden

Auf Antrag der Staatsanwaltschaft München I hat Amtsgerichtsrat Romba die bei Rogner & Bernhard erschienenen Bücher "Josefine Mutzenbacher, die Lebensgeschichte einer Wienerischen Dirne, von ihr selbst erzählt", "Josefine Mutzenbacher, meine 365 Liebhaber" und Guillaume Apollinaires "Die Elftausend Ruten" wegen Verstoßes gegen den "Unzuchtparagraphen" bundesweit beschlagnahmen lassen. Drei von unzähligen pornographischen Titeln, die auf dem Markt sind, sind damit wieder von jener Willkür ereilt worden, die, solange die ominösen Pornographiebestimmungen bestehen, auf jede Anzeige hin "zur Tat" schreiten muß. Daß es in diesem Fall mindestens zwei literarisch geschätzte Werke trifft, ist nur eine zusätzliche Pointe. Daß die gleiche Staatsanwaltschaft München I gegen die kleine Josefine schon einmal ein Verfahren eingestellt.hat, zeigt, wie schwer sich die Justiz mit der Pornographie inzwischen tut. Die Mutzenbacher und Apollinaires Ruten haben es da leichter: Es sind nämlich schon 130 000 Exemplare der drei jetzt indizierten Bücher verkauft. Und so läuft die Sittenjustiz wieder einmal einem Zug hinterher, von dem man weiß, daß er längst abgefahren ist.