Die unvermeidlichen wirtschaftlichen Folgen der Teilung hat die DDR inzwischen weitgehend überwunden; die "Materialien zum Bericht zur Lage der Nation" zeigen es. Unausgewogenheiten, die noch vor zehn Jahren zwischen einzelnen Industriezweigen bestanden, sind zum guten Teil ausgeglichen.

Gemeinsam Erlebtes und Durchlittenes läßt sich an der Schichtung der Altersgruppen in Deutschland nachlesen, die hüben und drüben ganz ähnlich ist. Die 50- bis 55jährigen, die 35- bis 40jährigen und die 20- bis 25jährigen sind schwach vertreten in Deutschland: Das ist die Folge der geringen Geburtenzahlen im Ersten Weltkrieg, während der Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre und am Ende des Zweiten Weltkrieges. Männer über 40 sind seltener als Frauen: Die Verluste der beiden Weltkriege sind noch heute spürbar. Aber Flucht und Abwanderung haben die Bevölkerungspyramide der DDR noch mehr gezaust; gegangen sind vor allem die Arbeitskräfte, so daß die Erwerbstätigen der DDR noch zehn Jahre nach dem Mauerbau mehr Alte und Kinder miternähren müssen als die der Bundesrepublik.

Die Umstände sind beharrlicher als Doktrinen. Trotz verschiedener Methoden der Staatsführung und auch verschiedener Zielsetzung sind die Ähnlichkeiten zwischen beiden Teilen Deutschlands heute oft noch größer als die Unterschiede. Nicht nur die Industriestruktur, sondern auch die Verteilung der Beschäftigten auf die verschiedenen Industriezweige ist in der DDR heute der Bundesrepublik’ähnlicher als früher. Mehr noch: die staatliche Wirtschaftslenkung in der DDR scheint keineswegs ein größeres Durchsetzungsvermögen zu haben als die Marktmechanismen, denen in der Bundesrepublik die Wirtschaftsentwicklung weitgehend überlassen wird. Die Strukturveränderungen zugunsten der aussichtsreichen Industriezweige waren in der Bundesrepublik stärker als in der DDR.

Allein in der Metallverarbeitung und in der Chemie – in Wirtschaftszweigen also, die künftig mit am stärksten wachsen werden – arbeiteten in der Bundesrepublik 53 Prozent aller Beschäftigten, in der DDR aber nur 48 Prozent, obwohl gerade diese Industriezweige im Gebiet der DDR eine lange Tradition haben. Das Programm der Chemisierung, das in der DDR seit zehn Jahren verfolgt wird, hat trotz aller staatlichen Bemühungen und Förderungsmaßnahmen weniger bewirkt als die Marktkräfte in der Bundesrepublik. Zwar ist auch dort die chemische Industrie überdurchschnittlich gewachsen, aber weit schwächer als im Westen.

Anders in der Landwirtschaft. Dort haben Partei und Staat in der DDR die Kollektivierung durchgesetzt, die in der DDR die Arbeit auf dem Lande zwar nicht effektiver, aber einfacher und einträglicher gemacht hat. Heute gibt es in der Bundesrepublik mehr als hundertmal so viele landwirtschaftliche Betriebe wie in der DDR, aber dort sind die Betriebe fünfzigmal so groß wie hier. Doch auch in der Landwirtschaft der DDR haben sich ebenso wie im Handwerk alte Strukturen erhalten, wenngleich nur an der Oberfläche. Die Mitglieder der Genossenschaften gelten in der DDR noch als selbständige Erwerbstätige, und wie in der Bundesrepublik sind in der DDR die Einkommen der Selbständigen doppelt so hoch wie die der unselbständigen Arbeitnehmer.

Die Entwicklung von Wirtschaft und Lebensstandard, wie sie in diesen Materialien nachgezeichnet wird, zeigt deutlich, daß das Wirtschaftssystem der DDR nicht zuletzt infolge des Primats einer Ideologie weniger leistungsfähig ist. Der Abstand in Leistung und Lebensstandard zwischen der Bundesrepublik und der DDR hat sich in den letzten zehn Jahren nicht verringert; er. ist günstigstenfalls gleichgeblieben, hat sich in mancher Hinsicht aber vergrößert.

Einigermaßen gleichmäßig entwickelt hat sich das reale Bruttosozialprodukt: Es ist in der Bundesrepublik von 1960 bis 1969 jährlich um 4,8 Prozent, in der DDR um 4,5 Prozent gewachsen. Da in dieser Zeit die Bevölkerung der Bundesrepublik um 10 Prozent zunahm und die der DDR um ein Prozent sank, nahm das Bruttosozialprodukt je Einwohner dort stärker zu als hier, dies aber nicht infolge höherer Leistung je Erwerbstätigen, sondern weil ein wachsender Teil der Bevölkerung am Erwerbsleben teilnimmt. So ist die Produktivität je Arbeitskraft in allen Wirtschaftsbereichen seit 1960 in der Bundesrepublik um 48, in der DDR aber nur um 43 Prozent gewachsen. Nur in der Industrie war die Entwicklung etwas günstiger für die DDR. Noch immer ist aber die Arbeitsproduktivität in der DDR um ein Drittel niedriger als in der Bundesrepublik.