Die im Jahr 1971 bestehenden völkerrechtlichen Einbindungen der Bundesrepublik in die westlichen, der DDR in die östlichen Bündnissysteme sind das Resultat der Nachkriegspolitik der ehemaligen Siegermächte gegenüber Deutschland, das Ergebnis der eigenständigen Politik der beiden deutschen Staaten und schließlich weltpolitischer Entwicklungen, die sich außerhalb der Deutschland berührenden Fragen ergeben haben.. Hatte das Deutsche Reich im Jahr 1945 seine Souveränität verloren, so gewannen die 1949 in Deutschland entstandenen politischen Einheiten stufenweise und mit Einschränkungen Souveränität. Im politischen, militärischen und wirtschaftlichen Bereich wurden die beiden deutschen Staaten in die sich in Ost- und Westeuropa entwickelnden Staatengruppen teils gleichzeitig, teils im Verlauf der folgenden Jahre integriert."

So beginnt das erste Kapitel der "Materialien zum Bericht zur Lage der Nation", das die Überschrift trägt: "Die beiden deutschen Staaten in der Welt und ihr Verhältnis zueinander – Aspekte und Tendenzen." Die Bindungen der beiden Staaten an die jeweiligen Bündnissysteme und der historische Prozeß, der sie dahinein brachte, sind im ersten Absatz knapp und treffend beschrieben.

Aber längst nicht alle "Aspekte und Tendenzen", die die Wissenschaftler in der Ludzschen Werkstatt ansprechen wollten, sind aufgeführt worden. Von ihrem ursprünglichen Konzept haben sie, nach längeren Diskussionen mit den Politikern und Beamten verschiedener Bundesministerien, manches zunächst streichen müssen. Noch nicht analysiert wurden die östlichen und westlichen Begriffe von "Nation", "Demokratie", "Legitimation", "Nichteinmischung" und "Koexistenz"; nicht verglichen wurden die Haltungen beider Regierungen zur "Einheit der Nation" und zu möglichen Modellen eines Friedensvertrages; nicht abgehandelt wurden die Bestimmungen, worin der jeweils andere Teil des ehemaligen Reiches als Inland oder Ausland bezeichnet wird. Geblieben sind als Einzelthemen nur noch die Integration in die Bündnisse, die Aktivität in der Dritten Welt, der innerdeutsche Handel und sonstige Kontakte.

In ihrer Einleitung begründen die Verfasser, warum sie darauf verzichtet haben, politischgesellschaftliche Normen zu analysieren: "Ideologien werden grundsätzlich als Elemente gesellschaftlichen Realität, als Fakten angesehen. Als solche müssen sie mit einem entsprechenden methodischen Instrumentarium untersucht werden." Eben dies sei aber für diesen Vergleich noch nicht in befriedigender Form vorhanden gewesen.

Die Wissenschaftler begnügten sich also damit, völkerrechtliche und wirtschaftliche Fakten und statistische Daten einander gegenüberzustellen, wobei sie zuweilen, etwa bei der Beschreibung der Sicherheitspolitik, der Entwicklungshilfe oder der Öffentlichkeitsarbeit, der Versuchung erlegen sind, zweierlei Maß anzulegen. Jedenfalls ist dieses Kapital nicht immer ideologiefrei – vielleicht, weil gerade hier die Kooperation zwischen Wissenschaft und Politik so eng gewesen ist.

Aufzeigen wollten die Verfasser "Unterschiede, Parallelitäten und Ähnlichkeiten" zwischen Bundesrepublik und DDR. Bei diesem Vergleich fällt auf, wie sehr sich die gesamtdeutschen Vorbehaltsrechte der Siegermächte ähneln. Im Deutschlandvertrag von 1952 haben sich die drei Westmächte "die bisher von ihnen ausgeübten und innegehabten Rechte und Verantwortlichkeiten in bezug auf Berlin und auf Deutschland als Ganzes einschließlich der Wiedervereinigung und einer friedensvertraglichen Regelung" vorbehalten. Im vergleichbaren Souveränitätsvertrag zwischen der Sowjetunion und der DDR von 1955 ist die Rede von den "Verpflichtungen", die "gemäß den internationalen Abkommen, die Deutschland als Ganzes betreffen", beiden Staaten erwachsen.

Ein paar beiläufige Zahlen des Berichts erhellen, welcher von beiden deutschen Staaten in Wahrheit "militarisiert" ist. Pro Kopf der Einwohner hat die Bundesrepublik im letzten Jahr 368 Mark, die DDR 390 Mark für die Verteidigung ausgegeben. Der Anteil der Verteidigungsausgaben am Bruttosozialprodukt betrug in Westdeutschland 3,8 Prozent (mit Berlinhilfe 4,3), in der DDR 5,9 Prozent. Noch stärker differieren die Zahlen derer, die Waffendienst leisten. Je 1000 Einwohner waren bei uns 8 in der Bundeswehr und 0,3 im Bundesgrenzschutz, in der DDR 11 in der Nationalen Volksarmee und 18 in Betriebskampfgruppen unter Waffen. Bei alldem darf man freilich nicht die Relationen aus den Augen verlieren: Die Bundesrepublik hat immerhin dreimal soviel Einwohner wie die DDR.