ARD, 24. und 28. Januar: „Deutschstunde“, von Diethard Klante und Peter Beauvais

ARD, 26. Januar: „Die Verabredung mit der Wirklichkeit“, von Michael Ballhaus

Hoffmann und Campe pflegen ihren Lenz. Der hat dem Verlag mit der „Deutschstunde“ einen Bestseller geliefert, dem auch das Fernsehen nicht entging, und der Verlag bedankt sich mit einem Buch zum Film zum Buch. „Mitgeteilt von Anneliese de Haas“, liest man: „Deutschstunde als Fernsehfilm. Informationen und Eindrücke.“ Das ist als Taschenbuch aufgemacht, hat gut siebzig Seiten und zeugt von der Erschütterung dessen, dem als Handwerkszeug Papier und Schreibinstrument genügen und der nun einem Apparat beigewohnt hat: der Herstellung eines Films von satten dreieinhalb Stunden Länge, mit 67 Drehtagen, über zwei Dutzend sprechenden Rollen und mindestens hundert Komparsen. Die Mitteilungen sind, ob sie es wollen oder nicht, ein Einschüchterungsversuch. Da haben sich so viele Leute mit so viel Fleiß und so viel Gerät und so viel Geld Mühe gegeben, und dann setzt sich jemand im Schwarzwald leichthin an seine vergammelte Schreibmaschine und tippt auf Makulaturpapier einen Verriß. Wo bleiben da die Proportionen?

Wo bleiben sie, wenn sich das Fernsehen zwischen Sonntag und Donnerstag eine Siggi-Lenz-Show genehmigt, ein Lenz-Festival, die „Deutschstunde“ zweigeteilt und mittendrin ein Poetenporträt von Michael Ballhaus, „Verabredung mit der Wirklichkeit“ genannt? Da erfährt man zum Beispiel, daß der Dichter im fernen Dänemark die deutschen Verhältnisse aus der Distanz sehen kann und daß er eine gespaltene Einstellung zur Elbe hat. Da ist noch ein Dichter, der seine „Nerven entblößt“ für das, was ihn umgibt. Genug Anlaß für (Kameramann) Ballhaus, seine Verabredung mit Landschaftsbildern der norddeutschen Tiefebene dem Publikum zu vermitteln.

„Dieses Land hat gar keine Oberfläche, nur Tiefe“, sagt Teo zu Max, dem Maler, da ist die „Deutschstunde“ schon fast vorbei. Aber Peter Beauvais, der Regisseur, hat sich von Anfang an daran gehalten. Er läßt sich von Jost Vacano, dem Kameramann, so viel Tiefebenen-Oberfläche anbieten, montiert davon so viel in den Film, daß sich der Umschlag in die Qualität von selbst ergeben müßte. Denn was kann Tiefe schon anderes sein. Doch nichts dergleichen passiert. In einem Film, der seine ganze Ohnmacht auf peinlich realistische Abschilderung von Handlung und Konflikt verschwendet, ist Landschaft lästiges Beiwerk. Oder ein Produkt der Furcht, der Zuschauer könnte hinter der Gescheitheit der Geschichte zurückbleiben. Deshalb wird beim Ortswechsel der Szene zuerst einmal die Anfahrt gezeigt: Polizeivater Jens Jepsen auf dem Fahrrad am Deich, Autos der Gestapo, Engländer oder der zehnjährige Blondschopf von Siggi Jepsen, der durch die Wiesen wuselt.

Schon der Roman war verspätet, literarisch und politisch, das Drehbuch von Diethard Klante macht die Verspätung komplett. Die Geschichte von Siggi Jepsen, der in der Jugendstrafanstalt in vierteljähriger Straf arbeit über „Die Freuden der Pflicht“ schreibt, ist reduziert aufs Gerippe der Handlung, an die sich Siggi erinnert: Der Maler Max Nansen mit dem Malverbot aus Berlin, das der Polizist Jens Jepsen zu überwachen hat. Erst im zweiten Teil fällt dem Film die neurotische Bilderkleptomanie des Strafgefangenen Siggi Jepsen ein und die Entstehung der Krankheit unter der Fuchtel eines Vaters, der Hebbels Meister Anton als harmlosen antiautoritären Hippie erscheinen, läßt. Beauvais meint, die Inkubation mit einer unbeholfenen Montage-Sequenz (die brennende Mühle, das Gesicht des fiebernden Jungen, die Bilder in Nansens Atelier) beglaubigen zu können, der einzigen Montage im ganzen Film. Siegfried Lenz hat darüber einen kompletten Roman geschrieben.

Der Roman hatte immerhin doppelten Boden, auch wenn die zweite Ebene wie durch einen Schweizer Käse stets gut sichtbar blieb, damit nur ja kein verirrter Leser ins Leere trete. Die doppelte Bedeutung von „Deutschstunde“, „Strafarbeit“, „Freuden der Pflicht“, Sünden des Vaters, für die der Sohn büßen muß – das alles hat der Film rigoros weggeräumt. Hier werden nur noch schlichte Gemüter bedient. Von doppeltem Boden keine Spur, das ganze Elend hat nur mit den Nazis zu tun. Dabei finden sich in den Mitteilungen der Beobachterin Anneliese de Haas durchaus Hinweise darauf, wie man den Film hätte anders machen können, zu einem Film, der etwas mit uns zu schaffen hat. Die Reaktion der Leute von Niebüll und Umgebung auf den Roman und dann aufs Filmedrehen, ihr unartikuliertes Unbehagen. Doch das zu artikulieren, zu filmen, zu integrieren, kann man von einem Beauvais wohl nicht verlangen.