Bürgerliche oder marxistische Wissenschaft? Die Professoren Wolfgang Abendroth (links) und Ernst Nolte sind die Kontrahenten im Streit um die Habilitationsschriften des Marburger Politologen Reinhard Kühnl Aufnahmen: Wilfried Bauer/Klaus Mehner

Von Karl-Heinz Janßen

Liegt Moskau in Marburg? Wer in den letzten Wochen den Leserbriefteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung studierte (oder Die Welt, die daraus abschrieb), mochte glauben, die Bundesrepublik sei auf dem besten Wege, eine Volksdemokratie sowjetischer Bauart zu werden. Ernst Nolte, international anerkannter Faschismus-Forscher und seinem geistigen Zuschnitt nach keineswegs ein Reaktionär, schlug Alarm: Die Seminare für Politik und Soziologie an der Universität Marburg würden in eine "marxistisch-leninistische Parteihochschule" verwandelt. Erster Schritt dazu sei die Habilitation des "Marxisten" Reinhard Kühnl gewesen.

Der Vorwurf, der gegen den jungen Wissenschaftler und mittelbar auch gegen seinen Lehrer Wolfgang Abendroth und andere prominente Wissenschaftler erhoben wird, sucht in der Nachkriegsgeschichte der deutschen Universitäten seinesgleichen: Mit Hilfe der Studenten soll es gelungen sein, "politische Streitschriften, die gegen die elementarsten Regeln der Wissenschaftlichkeit verstoßen", als Habilitationsleistungen durchzusetzen.

Als Nolte die Vorgänge in Marburg ans Licht der außeruniversitären Öffentlichkeit zerrte, war das Verfahren noch nicht abgeschlossen. Noltes (erster) Leserbrief erschien am 8. Januar, über Kühnls Habilitation wurde erst vier Tage später abgestimmt. Während Nolte die Gefähr einer marxistischen Machtergreifung für so bedrohlich ansah, daß er sich in die Presse flüchtete, litt die Gegenseite unter anderen Komplexen: Wieder einmal wollten, so schien es, konservativ-reaktionäre Ordinarien den Aufstieg eines "fortschrittlichen" Wissenschaftlers "mit den berühmten repressiven Maßnahmen" verhindern.

Kühnl, in einem geharnischten Antwortbrief an die FAZ ging in seinen Unterstellungen noch weiter: Faschismus-Forscher Nolte wolle eine ihm unbequeme, ja schädliche Konkurrenz ausschalten: "Die deutsche Ordinarienuniversität hat entschieden demokratische oder gar marxistische Wissenschaftler (von drei oder vier Ausnahmen abgesehen) niemals geduldet. In dieser Hinsicht hat sich von Karl Marx über Eckart Kehr bis Emil Gumbel wenig geändert."

Was Eckart Kehr angeht, den lange totgeschwiegenen, genialen Sozialhistoriker der zwanziger Jahre, so ist erst in jüngster Zeit ein Brief bekanntgeworden, den 1931, als sich Kehr bei Hans Rothfels in Königsberg vergebens um eine Habilitation bemühte, der Freiburger Ordinarius Gerhard Ritter an Hermann Oncken schrieb: "Dieser Herr sollte sich, scheint es mir, lieber gleich in Rußland als in Königsberg habilitieren. Denn da gehört er natürlich hin: einer der für unsere Historie ganz gefährlichen ‚Edelbolschewisten‘."

Man sieht, die Vorbehalte deutscher Historiker gegen marxistische Kollegen haben ihre Tradition. Das Neue an dem Marburger "Fall Kühnl" ist jedoch, daß der Kampf zum erstenmal nicht mehr nur hinter den Kulissen ausgetragen wurde, sondern auf offenem Markte.

Dieser Fall ist so symptomatisch für die Krise an unseren Hochschulen, daß es sich lohnt, ihn der Reihe nach zu erzählen. Es fängt damit an, daß nicht einmal feststeht, ob Reinhard Kühnl überhaupt ein Marxist ist. Nolte kennt da keinen Zweifel, Kühnl selber auch nicht; sein Lehrer und Förderer Abendroth jedoch beurteilt ihn als einen "positivistischen, soziologisch denkenden Historiker, der sich zum Marxismus hinentwickelt", und im linken Marburger AStA kann man das nicht freundlich gemeinte Wort vom "Linksliberalen" Kühnl hören, dem man nichtsdestoweniger die Stange hält.

Reinhard Kühnl, Sudetendeutscher, bestand 1962 in Marburg das Staatsexamen in Geschichte, Germanistik und Politischer Wissenschaft mit der Note "gut". Er wurde Assistent bei Abendroth und promovierte 1967 in den Fächern Politische Wissenschaft, Soziologie und Germanistik "summa cum laude". Seine Dissertation "Die nationalsozialistische Linke 1925 bis 1930" und sein Aufsatz über Eisner werden auch von Nolte als beachtliche Leistungen anerkannt. In mehreren wissenschaftlichen Zeitschriften hat sich Kühnl als Essayist und Literaturkritiker einen Namen gemacht, vor allem als Faschismus-Theoretiker.

Im Sommer 1969 beantragte Kühnl ein Habilitationsverfahren. Es war der erste Fall einer sogenannten "kumulativen Habilitation". Kühnl legte der Habilitationskommission eine Reihe von Arbeiten vor: vier Bücher, darunter den 400 Seiten starken Band "Die NPD – Struktur, Ideologie und Funktion einer neofaschistischen Partei" (edition suhrkamp 1969) und das Hanser-Taschenbuch "Deutschland zwischen Demokratie und Faschismus" (das auch ins Schwedische übersetzt wurde), ferner zehn Abhandlungen in Zeitschriften und sieben Literaturberichte und Rezensionen.

Professor Abendroth befürwortete den Antrag. Der zweite Gutachter war der Zeithistoriker Nolte. Er hatte schon zuvor, als Kühnl ihm seine Liste vorlegte, dazu geraten, doch lieber die beiden politischen Bücher fortzulassen. Nolte über das Hanser-Büchlein: "Lehrbuch der Schwarzweißmalerei für fortschrittliche Obersekundaner", und über das Suhrkamp-Buch: "wissenschaftlich aufgeputzte Wahlkampfschrift". Der ältere gab dem jüngeren Kollegen den wohlmeinenden Rat, er möge sich doch für zwei oder drei Jahre zurückziehen und ein rein wissenschaftliches Werk schreiben (was auch Leute, die es gut mit Kühnl meinen, für vernünftig gehalten hätten). Doch Oberassistent Kühnl schlug den Ratschlag in den Wind: "Ich wollte mich nicht für so lange Zeit aus der internationalen Diskussion über den Faschismus ausklammern."

Wie nicht anders zu erwarten, blieb Nolte bei seiner Kritik. In seinem negativen Gutachten stützte er sich fast nur auf das NPD-Buch. Er fand darin "eine Anzahl von sinnentstellenden Zitaten, unbegründeten Behauptungen und voreiligen Generalisierungen". Wer sich die NPD vornehme, der dürfe sich, so meinte Nolte, nicht von einem negativen allgemeinen Vorurteil leiten lassen, sondern müsse "Noblesse" walten lassen, nämlich "ein besonders prononziertes Bemühen, alle Seiten des Phänomens zu beleuchten". In der Tat hatte Kühnl in seinen Zitaten aus dem NPD-Organ Deutsche Nachrichten auffällig viele Auslassungspünktchen eingefügt. Nolte verglich einige Stellen mit dem Original. Sein Befund: "Kühnl hat jeweils nur die NS-Rosinen rausgepickt und präpariert, jedoch die eher national-konservativen Töne unterschlagen."

Der Erziehungswissenschaftler Klafki, einer der acht Gutachter, fand freilich Noltes Beispiele "einfach kurios" und "beckmesserisch". Nolte ließ sich jedoch von seiner Meinung nicht abbringen, daß der Habilitand Politik mit Wissenschaft verwechselt habe. Während er zum Beispiel auf einer Seite angebe, daß die NPD von Großkapital und Hochfinanz kaum unterstützt worden sei, folgere er auf der nächsten Seite trotzdem, "ein Teil der deutschen Großindustrie" leiste ihr finanzielle Unterstützung. Wenn ihm ein Schüler solche Schlüsse unterbreite, würde er ihm die Arbeit um die Ohren schlagen, schrieb Nolte in einem seiner Gutachten.

Auch die beiden folgenden Gutachter – der junge Dozent Fritz Blaich und der Politologe Professor Czempiel – kamen zu negativen Urteilen. Blaich schränkte ein, er könne die Arbeiten nur unter dem Blickwinkel der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte beurteilen. Kühnl: "Der Reserveoffizier Blaich war empört, weil ich die Bundeswehr, das amerikanische Kapital in der Bundesrepublik und die katholische Kirche kritisiert hatte." Czempiel beanstandete vor allem, daß Kühnl sein NPD-Buch mit zwei anderen Studenten als Gemeinschaftswerk herausgegeben habe. Daraufhin erklärten die Co-Autoren, Kühnl habe mehrere Kapitel allein zu verantworten und das Gesamtwerk im wesentlichen stilistisch überarbeitet.

Nolte fand es merkwürdig, daß schon vierzehn Tage, nachdem er Abendroth sein negatives Gutachten zugeschickt hatte, der Kandidat Kühnl beim Dekan der philosophischen Fakultät beantragte, seine äußerst scharfen, wenngleich fairen Rezensionen über die Schriften Noltes gleichfalls in die Habilitationsakten aufzunehmen, um der Kommission "ein sachgerechtes Urteil" über die methodisch und wissenschaftstheoretisch sehr unterschiedlichen Positionen zu erleichtern. Dazu Nolte: "Wenn ich Kühnl als Konkurrenz empfunden hätte, wäre ich nicht in die Kommission gegangen." Mehr noch als über das Verhalten Kühnls wunderte sich Nolte über die Entscheidung des Dekans Professor Keseling, der ohne weiteres Kühnls Bitte entsprach, ohne die Kommission oder Nolte zu verständigen.

Im März 1970 – inzwischen lagen drei negative Gutachten vor – fragte der Dekan bei Abendroth an, ob es nützlich sei, das Verfahren weiterzuführen. Abendroth entschied sich für Weitermachen. In den kommenden Monaten "ruhte" die Akte Kühnl – wo, darüber gibt es verschiedene Auskünfte. Nolte vermutet, man habe erst die Bildung der neuen "Sektion Gesellschaftswissenschaften" abwarten wollen, in der die Ordinarien nicht mehr wie früher in der Fakultät ein Vetorecht ausüben konnten.

Im Mai jedoch schienen Kühnls Blütenträume plötzlich zu reifen: Der Pädagoge Klafki, der Soziologe Professor Maus und zwei akademische Mitarbeiter bewerteten die Arbeiten Kühnls positiv. Zwar boten Kühnls Bücher einige Angriffsflächen, so daß auch diese Gutachter mit Einwänden nicht sparten, die indes ihrer Meinung nach nicht ausreichten, ihm rundweg die Qualifikation abzusprechen.

Nunmehr änderte sich auch die Position der negativen Gutachter. Czempiel, der ohnehin Mar-

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burg Valet sagen wollte, sah sich auf Grund der nachgereichten Schriften imstande, nunmehr ein positives Urteil abzugeben. Nolte erklärte sich einverstanden, über die Aufsätze und Literaturberichte mit sich reden zu lassen. Er verlangte jedoch, man solle noch auswärtige Gutachter hinzuziehen, und zwar Richard Löwenthal und Jürgen Habermas als Wissenschaftstheoretiker, Hans Maier und Hans Mommsen als Spezialkenner. Andernfalls werde er aus der Kommission ausscheiden, denn hier "handle es sich nicht um einen Fall Kühnl, sondern um die Situation der deutschen Wissenschaft und mindestens einiger ihrer Institutionen im Jahre 1970".

Die Versammlung folgte schließlich diesem Vorschlag, benannte aber zwei andere Gutachter, die weder die Linie Noltes noch die Abendroths vertreten. Der Gießener Verbandsexperte Varain hieß Kühnls Arbeiten "ohne Einschränkung" gut, und der Berliner Parteienexperte Flechtheim befand, es handle sich um eine "vollgültige Habilitationsleistung".

Am 12. Januar wurde Kühnl von der Sektionsversammlung mit 17 Stimmen bei einer Enthaltung habilitiert. Anderntags wurde in der Fakultät abgestimmt, auf Wunsch Kühnls geheim und getrennt nach Hochschullehrern, Assistenten, Studenten. Das Ergebnis: Alle waren dafür, nur drei Hochschullehrer enthielten sich der Stimme. (Die Mehrheit dieser Gruppe freilich hatte die Sitzung boykottiert.) Kühnl besitzt bereits sein Diplom und wird sich wohl bald Professor nennen dürfen.

Für Nolte ist der Fall Kühnl "als solcher" abgeschlossen. Eigentlich gehe es mehr um Wolfgang Abendroth, den Nolte bei aller persönlichen Wertschätzung politisch für äußerst gefährlich hält. Denn Abendroth wolle die "bürgerliche"’ durch die "marxistische" Wissenschaft ersetzen. Ihn hält er für den geistigen Vater der Studentenrevolte, der "das Neue, das noch vor wenigen Jahren schlechthin Unvorstellbare" in Gang gesetzt habe. "Ich kann nicht umhin, Bewunderung für den Mann zu empfinden, der es weit mehr herbeigeführt hat als irgendein anderer, weil er unter Millionen von Skeptikern der einzige Gläubige war."

Wie ein Winkelried bietet nun Nolte als Verteidiger der Freiheit" den Linken seine Brust. Niemand unter den Beteiligten der anderen Seite, der ihn nicht gleichfalls seiner Hochachtung versicherte. Die Liberalen in der Fakultät, die mit den Linken zusammenarbeiten, um nicht alles in Scherben fallen zu lassen, betrachten: Nolte noch immer als einen der ihren. Sie bedauern ihn, weil er sich in die falsche Ecke habe drängen lassen, wo er jetzt als ehrlicher, naiver Kohlhaas die Geschäfte der Reaktionäre besorge, die sich still und fein im Hintergrund hielten.

Alle Streitgenossen in diesem Fall haben, so will es dem unvoreingenommenen Betrachter scheinen, bona fide gehandelt. Aber die Tischtuch ist zerschnitten. Was die einen als ersten, bescheidenen "Sieg" für den Pluralismus in der Wissenschaft begrüßen, gilt den anderen als Anfang vom Ende aller Wissenschaft.