Jedes Jahr sollen 55 000 Wehrpflichtige mehr in die Kasernen einrücken

Von Kurt Becker

Wenn die Bundesregierung sich selbst beim Wort nimmt, eröffnet sich jetzt zum ersten Male eine Aussicht, der anhaltenden Wehrungerechtigkeit in unserem Lande zu Leibe zu rücken. Nur sechzig Prozent der Angehörigen eines Jahrgangs kommen zur Bundeswehr. Statt dessen würde künftig zwar nicht vollkommene, aber doch größere Gerechtigkeit walten. Die polemische und zugleich treffende Frage verlöre ihren brisanten Charakter: Warum müssen die einen dienen, während die anderen verdienen?

Den Anstoß zur Lösung des Problems gab Bundesverteidigungsminister Helmut Schmidt schon gleich nach seinem Amtsantritt. Für ihn enthält die fortdauernde Ungerechtigkeit eine schwere außen- und sicherheitspolitische Gefahr – die Gefahr nämlich, „daß die für den Zwanzigjährigen fast nicht einsehbare Unfähigkeit des Staates zur Gleichbehandlung, zu der er nach dem Gesetz verpflichtet ist, zerstörend wirken muß“; daß unter dem Einfluß der Jugend das Wehrpflichtprinzip in der Bundesrepublik wegen der unzureichenden Durchführung in Bausch und Bogen verdammt werden könnte.

Auf Schmidts Initiative hatte die Bundesregierung Mitte vorigen Jahres eine unabhängige Wehrstruktur-Kommission berufen, die nun am Mittwoch dieser Woche ihren Vorschlag zu größerer Wehrgerechtigkeit dem Kanzler unterbreitet hat. Kernstück sind vier Empfehlungen.

Erstens: Der Grundwehrdienst wird von achtzehn auf sechzehn Monate verkürzt, damit mehr Wehrpflichtige dienen können. 35 000 Mann mehr sollen jährlich eingezogen werden.

Zweitens: Der Anteil der Nichtdienenden wird von 40 auf 25 Prozent gesenkt. Statt nur sechzig würden dann künftig 75 Prozent der Wehrdienstfähigen eines Jahrgangs Soldat. Viele gesetzliche Ausnahmeregelungen müssen fallen. Von den eingeschränkt Tauglichen – dreißig Prozent eines Jahrgangs – wird jeder Zweite für eine ihm zumutbare Funktion zum Grundwehrdienst herangezogen.