Von Karl Heinz Wocker

London, im Februar

London Bridge und Fahrenheit, Todesstrafe, old Scotland Yard und die Nationalhymne am Ende des abendlichen BBC-Fernsehprogrammes – lauter liebgewordene Bestandteile des britischen way of life, die in den letzten Jahren abhanden kamen. Nun sind ihnen der Shilling und der ehrwürdige Penny mitsamt ihren Varianten gefolgt. Und wie hartnäckig hatten sie sich gewehrt!

Schon vor rund 130 Jahren hatte eine Unterhaus-Kommission den Übergang zum Zehnersystem in der Währung empfohlen. Am Montag dieser Woche endlich kam er dann – der Dday. Die Dezimal-Behörde hatte monatelang davor gezittert. 25 Millionen Broschüren sollten an die Haushalte verschickt werden. Als der Poststreik durch diesen Plan einen Strich machte, zeigte Lord Fiske, der Leiter der Behörde, Zeichen von Nervosität. Ganzseitige Zeitungsanzeigen sollten das Schlimmste verhindern. Am Tage vor dem D-day warf Lord Fiske, wie um die bösen Geister zu bannen, eigenhändig eine Dezimalmünze in einen der neuen Fahrkartenautomaten im Londoner Bahnhof Euston. Erwartungsvoll klickten die Kameras der Reporter. Aber der Automat streikte. Doch nur Böswillige mochten das dem Dezimalsystem ankreiden.

Diese Rechenweise ist auch sicher nicht schuld daran, daß Mrs. Elaine Dixon in Barnsley in Yorkshire am Morgen des D-day so lange gähnte, bis ihr zweijähriger Sohn Ian ihr ein neues Pennystück in den Mund warf. Mrs. Dixon wurde ins nächste Krankenhaus geschafft, wo ihr der „Fremdkörper“ – Sammelbezeichnung der Mediziner für Geldstücke in Speiseröhren – wieder entfernt wurde. Der Vorfall sagt sicher mehr über die Frustration britischer Hausfrauen aus als über die Gefährlichkeit der neuen Dezimalmünzen.

Deren Injektion in den britischen Währungskreislauf bezeichnete die Londoner Times anderntags als eine „fröhliche Umstellung“. Die Zeitungen, die sicher mit einer endlosen Kette von Gruselgeschichten über lange Schlangen vor Bankschaltern oder Schimpfkanonaden der Hausfrauen in den Supermärkten gerechnet hatten, wußten das Interesse für den so ruhig verlaufenen Tag nur noch dadurch zu wecken, daß sie zum Beispiel die Mädchen zeigten, die von den großen Kaufhäusern dutzendweise engagiert worden waren, um den Kunden Auskunft zu geben. Aber die decimal dollies standen ziemlich verloren umher, sobald die Reporter abgezogen waren.

Harrods, der Londoner Warenhaus-Superlativ, hatte gleich 75 solcher Girls in wochenlangem Training auf ihre Rolle vorbereitet. Aber die Kunden, sofern sie nicht mit Kontenkarten zahlten, machten es wie die Touristen im fernen, fremden Land: sie legten vorsichtshalber den nächsthöheren Geldschein hin und warteten ab, ob die Verkäuferin den Wechselbetrag kannte. Sie kannte ihn in den meisten Fällen. Wie tief auch immer die Volksaufklärung bisher gedrungen sein mag – Banken, Supermärkte und Kaufhäuser hatten ihr Personal in aufwendigen Abendkursen auf das Dividieren durch 10 und das Subtrahieren von 100 gedrillt.