"Alles hat ein Ende, selbst die Wurst wenn sie aufgegessen ist." Raoul Hausmann

Der Holzkopf, den Raoul Hausmann 1918 mit Utensilien des Ordnung setzenden Geistes bestückte und dem er den Titel "Mechanischer Kopf" beziehungsweise "L’Esprit de notre temps" gab, steht – obgleich immer wieder abgebildet und dadurch berühmt geworden – in keinem Kunstarsenal der Welt. Er steht in dem imaginären Museum optischer Erinnerung und in dem Zimmer seiner Wohnung in Limoges, in dem Hausmann seine Manuskripte, seine Photomontagen, seine Collagen, seine Photographien aufbewahrt hat. Weil er den "Mechanischen Kopf" zu seinem eigenen Vergnügen gemacht hatte, wollte er ihn auch zu seinem eigenen Vergnügen behalten; als Feind des Kapitalismus blieb er konsequent, indem er das Geld ablehnte, das man ihm für seine Kunst bot. Der "Mechanische Kopf" hat aufgehört, Gegenstand des Vergnügens von Raoul Hausmann zu sein. Raoul Hausmann ist vorletzte Woche – vierundachtzigjährig – gestorben.

Ungleich seinen dadaistischen Freunden ist Hausmann bis zu seinem Tod Dadaist geblieben. Sein Dadaismus war nicht nur eine Sturm-und-Drang-Phase oder eine Frage des Temperaments, er war vor allem eine Erkenntnisform. Seine Erfahrungen in den letzten fünfzig Jahren zwangen ihn daher nicht dazu, einen Satz wie den folgenden (aus dem "Pamphlet gegen die Weimarische Lebensauffassung" von 1918) zu relativieren: "Wir, denen der Geist eine Technik, ein Hilfsmittel ist –, UNSER Hilfsmittel, wir werden nicht scharfsinnig Begriffe spalten oder vor dem reinen Erkennen uns beugen –, wir sehen nur Mittel hier, unser Spiel vom Bewußtwerden, ins Bewußtseintreten der Welt zu spielen."

Ebenso radikal wie seine Kritik an dem Verhältnis des Bürgers zum Geist war seine Kritik an den Materialien und Methoden der Kunst und Literatur. Ergebnis dieser Kritik war die Ausweitung der Grenzen, die sich Kunst und Literatur gesetzt hatten: Mit der Photomontage, die Hausmann 1918, gleichzeitig mit John Heartfield, als Sonderform der Collage entwickelte, gewann er der Malerei die Fülle photographischen Materials hinzu und stellte damit neue Methoden bereit, die Vielschichtigkeit der Realität adäquat zu repräsentieren.

Der Schriftsteller und Photograph Raoul Hausmann, am 12. Juli 1886 in Wien geboren, ging 1900 nach Berlin, um dort Malerei und Bildhauerei zu studieren. Zusammen mit Richard Huelsenbeck, John Heartfield, George Grosz, Franz Jung und Johannes Baader gründete er 1918 den "Club Dada"; unter den Berliner Dadaisten der "Dadasoph" (so nannte ihn der "Oberdada" Baader), veröffentlichte Hausmann in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Der Dada zahlreiche dadaistische Manifeste.

1933 emigrierte Hausmann nach Spanien, seit 1944 lebte er in Limoges und starb dort als Bürger Westberlins. In französischer Sprache schrieb er seine Geschichte des Dadaismus, die 1958 unter dem Titel "Courier Dada" erschien. 1958 begann er damit, seine akustische Realisation der lettristischen Gedichte auf Tonbändern zu fixieren. Gehbehindert und nahezu blind und doch durch keinerlei Resignation geschwächt, besorgte Hausmann 1970 Wiederauflagen seiner Manifeste und seines Buches "Am Anfang war Dada", bis kurz vor seinem Tod schrieb er an neuen Büchern, klebte er neue Collagen.

Angela Köhler/Nikolaus Einhorn