Englische Politiker bemühten dieser Tage die Zoologie: „Die lahme Ente kann zwar nicht auf eigenen Füßen stehen, erhält aber Krücken, weil sie bald einmal goldene Eier legen wird.“ Gemeint war die finanzschwache schottische Yarrow-Werft, die entgegen aller Regierungsdoktrin weitere 40 Steuermillionen erhält. Denn Industrie-Minister John Davies glaubt, er könne „Licht am Ende des langen Tunnels“ sehen.

Daß die „lahmen Enten“ so weiterhin durch den „seichten Sumpf der Subventionen“ watscheln, den Davies kurz nach seinem Antritt trockenzulegen versprach, störte ihn, den früheren Generaldirektor des Unternehmerverbandes Confederation of British Industry (CBI), offenbar nicht.

Das treue Tory-Fußvolk ist indes enttäuscht. Geführt vom ehemaligen Partei Präsidenten Eduard DuCann opponierten schon 30 Abgeordnete vom rechten Flügel der Regierungspartei gegen die Teilverstaatlichung von Rolls-Royce, da Premier Heath doch „Disengagement“, Reprivatisierung und Nichtinterventionismus auf sein Programm geschrieben hatte.

Die versprochene „stille, aber totale Revolution“ hatte für sie doch so erfreulich begonnen. Heath wollte den „Butskellismus“, die nach R. A. Butler und Hugh Gaitskell benannte Konsum-Demokratie, wenden und den Briten zeigen, daß das konservative Hellgrau und das sozialistische Rosa nicht mehr die seit Kriegsende übliche Mischpolitik produzieren:

  • Sofort nach Amtsantritt packte er den Gewerkschaftsstier. bei den Hörnern. Die im Unterhaus Nacht für Nacht debattierte „Industrial Relations Bill“ soll die chaotische Streiksituation bereinigen. Die Fraktionsführer reden nicht mehr miteinander, die Opposition singt morgens um fünf Uhr in der „Mutter aller Parlamente“ die „Red Flag“, und die Gewerkschaften organisieren die ersten politischen Streiks seit 1926.
  • In der Industriepolitik sollte das Recht des Tüchtigen gelten. Die Häfen wurden nicht nationalisiert (wie von Labour vorgesehen), die Docks von Liverpool gingen bankrott. Statt der nach dem Gießkannenprinzip gewährten Investitions-Zuschüsse. räumt die Staatskasse künftig nur noch Steuererleichterungen für profitable Betriebe ein.
  • Im Herbsthaushalt startete Schatzminister Anthony Barber schließlich seine „barbarische Attacke“ auf den Wohlfahrtsstaat, der den Briten in der Nachkriegszeit so lieb und teuer geworden war. Nicht nur die Unternehmen, sondern auch die einzelnen Bürger sollen nun „auf eigenen Füßen stehen“. Steuererleichterungen fördern die Spar- und Investitionslust. In der Sozialpolitik tritt der Bedürftigkeitsnachweis an die Stelle des Milliarden verschlingenden Gießkannen-Prinzips.

Die rosarote Opposition sah immer röter. Die Regierung übe „Verrat an den Grundprinzipien der Konsensus-Demokratie und des Wohlfahrtsstaates“, zumal sie es wage, die 1916 wegen der Trunksucht in den Rüstungsbetrieben Nordenglands und Schottlands verstaatlichten Wirtshäuser zu reprivatisieren.

Das Land sei „krank an Subventionitis“, entgegnete Transportminister John Peton. Am Tage des Protestes gegen die Anti-Streik-Gesetzgebung explodierte im Haus des dafür verantwortlichen Arbeitsministers Robert Carr eine Bombe. Allein in den ersten vier Monaten dieses Jahres, so prophezeite der oberste Gewerkschaftsboß, Victor Feather, wird der unrühmliche Streikrekord von 1970 gebrochen. Heaths „stille, aber totale Revolution“ wird also ziemlich laut..