Was sollte jedoch eine Erpressung der SS zu einem Zeitpunkt, in dem die SA die Straße beherrschte und Heydrich erst im Begriff war, sich mit dem Aufbau der Bayerischen Politischen Polizei eine Machtposition zu errichten? Im gleichen Zusammenhang behauptet Bloch, Villain habe mit der von ihm geführten Brigade "Horst Wessel" (gemeint: die Standarte 15 der Brigade "Horst Wessel") in der zweiten Junihälfte 1933 in Köpenick ein Blutbad angerichtet und "die Gelegenheit benutzt, zahlreiche Personen, die zuviel über den Reichstagsbrand wußten, mundtot zu machen". Unerfindlich, wieso die ermordeten KPD- und SPD-Leute "zuviel" (wieviel?) vom Reichstagsbrand wußten. Zudem hatte Villain – als Arzt im Range eines Standartenführers – damit nichts zu tun; verantwortlich war, wie nach dem Kriege der Prozeß in Ostberlin ergab, ein Sturmbannführer Gehrke.

Das Massaker am 30. Juni

Eine derartig kritiklose Verwertung ungesicherten Materials führt notwendig zu Fehlurteilen. Hätte Bloch seine Behauptung, daß die "meisten Brandstifter" am 30. Juni 1934 umgekommen seien, an Hand der verfügbaren Unterlagen überprüft, wäre sie ihm als absurd erschienen. Statt dessen hält er an älteren Schätzungen von 150 bis 200 Opfern fest, obwohl in einschlägigen Publikationen unwiderleglich nachgewiesen ist, daß es sich insgesamt um 85 Opfer gehandelt hat. Personen, die als Mitglieder des angeblichen Sonderkommandos Reichstagsbrand in Frage kämen, enthält die Liste der Ermordeten nicht. Die Behauptung, daß der Polizeioffizier von Kessel Material über den Reichstagsbrand und die "Ermordung Oberfohrens" ins Ausland schaffen wollte und deshalb umgebracht worden sei, ist falsch. Bloch übersieht, daß der deutschnationale Politiker Oberfohren nicht ermordet worden und die vielzitierte "Oberfohren-Denkschrift" eine kommunistische Fälschung ist.

Es verwundert nach den zahllosen Ungenauigkeiten nicht, daß Bloch die These, bei den Erschießungen habe Mitwisserschaft am Reichstagsbrand eine Rolle gespielt, ungeprüft übernimmt. Folgerichtig verwickelt er sich in grotesk anmutende Widersprüche. Er schleppt die irrige Version weiter, die SA-Führer Spreti und Heines seien am Morgen des 30. Juni "auf der Stelle" erschossen worden; tatsächlich wurden sie ebenfalls nach Stadelheim gebracht und dort am Nachmittag ermordet.

Ebenso irrig ist die Behauptung, Karl Ernst habe sich geweigert, zur SA-Führer-Tagung nach Bad Wiessee zu fahren, und aus bösen Vorahnungen, vielleicht um dort "dunkle Geheimnisse zu eröffnen", so rasch wie möglich ins Ausland gehen wollen. Ernst wurde, ebenso wie sein als Vertreter nach Bad Wiessee entsandter Oberführer Sander, liquidiert, weil er als engster Parteigänger Röhms galt und nachdem ihn der SS-Führer Daluege als "Putschisten" denunziert hatte.

Damit erübrigt sich eine Widerlegung der phantasievollen Spekulation, daß es Rudolf Diels gewesen sein soll, der zusammen mit Daluege als "wichtigster Helfershelfer" von Göring und Goebbels den Reichstagsbrand organisiert habe, derselbe Diels, der 1957 eine offizielle Untersuchung des Reichstagsbrandkomplexes gefordert hat! Übrigens: Diels war mit Daluege zerstritten, und dieser hat bis zu Diels’ Ausscheiden aus dem Geheimen Staatspolizeiamt im Frühjahr 1934 Material gegen ihn gesammelt. Ganz unsinnig ist auch die Behauptung Blochs, Diels habe erfahren, "daß die SA von den Hintergründen des Reichstagsbrandes mehr wußte, als sie dürfte", zumal wenn es sich hierbei um Informationen durch Villain, seinen angeblichen Komplicen, gehandelt haben sollte. Daß der gestürzte Diels dann noch Einfluß auf die Erschießungen am 30. Juni gehabt hätte, wie Bloch suggeriert, ist nachgerade obskur.

Abgesehen von der Ermordung General Schleichers und anderer Mitglieder des Kreises um den Vizekanzler von Papen, ist jeweils der persönliche Clan der umsturzverdächtigten SA-Obergruppenführer umgebracht worden, darunter auch Villain, der enge Beziehungen zu Karl Ernst unterhielt. Manches spricht dafür, daß Villain erst in der Nacht zum 2. Juli im Zusammenhang mit der Conti-Affäre erschossen worden ist. Die von der Gestapo in Villains Wohnung gesuchten Akten betrafen die Auseinandersetzung mit dem SS-Führer Conti und enthielten Villains Denkschrift an die Oberste SA-Führung. Vom Reichstagsbrand ist darin – entgegen den Aussagen Stanges – nicht mit einem Wort die Rede. Mithin hat Urheber- oder Mitwisserschaft am Reichstagsbrand bei den Junimorden nicht die mindeste Rolle gespielt.