Es überrascht nicht, daß die Darstellung eines Autors, der so unkritisch Legenden übernimmt und fortspinnt, auch in den übrigen Teilen wissenschaftlichen Ansprüchen nicht standhalten kann. Zahllose Irrtümer und Ungereimtheiten, oberflächliche Schlußfolgerungen und innere Widersprüche verhindern, daß Bloch mit seiner im Ansatz richtigen Frage nach den sozialen Hintergründen des 30. Juni 1934 zu fundierten und neuartigen Ergebnissen gelangt.

SS als Hort des Kapitals?

Die "Säuberung" will Bloch mit dem Gegensatz zwischen der prokapitalistischen Politik Hitlers und den durch die SA repräsentierten mittelständischen und kleinbürgerlichen Nazimassen erklären. Zweifellos hatte das Drängen der SA nach der zweiten Revolution soziale Klassen Deutschlands zu schädigen. Aber ander-Literatur über die soziale Lage der SA-Mitgliedschaft nicht. Er vermag auch deren sozialpolitische Vorstellungen, trotz umfänglicher Quellenzitate, nicht zu belegen.

Hitlers Zögern, gegen die SA durchzugreifen, erklärt Bloch wie folgt: "Als Gegner des Sozialismus dachte er nicht daran, die besitzenden Klassen Deutschlands zu schädigen. Aber anderseits wollte er sich nicht von den konservativen Kräften abhängig machen." Bloch beklagt, daß es über die Haltung der Kapitalisten zur Röhm-Affäre keine (zugänglichen) Quellen gibt, sagt aber anderseits, die Kapitalisten hätten zunächst abgewartet, um sich dann mit dem Sieger zu arrangieren. Hauptprofiteure des 30. Juni seien daher die "Spitzen-Industriellen und -Bankiers" und die SS gewesen. Anders als die SA habe die SS weniger von "mittelalterlicher Romantik" gehalten als von der "wirtschaftlich-sozialen Realität des 20. Jahrhunderts: dem Hochkapitalismus". Statt von der Rückkehr zu präkapitalistischen Verhältnissen zu träumen, habe die SS "die Interessen der besitzenden Klassen gegen jede Revolution verteidigt, woher sie auch immer kommen möge" – ergo auch am 30. Juni 1934.

Derlei Spekulationen wären vermeidbar gewesen, hätte sich Bloch ernsthaft um eine Analyse der Kräfte bemüht, welche die "Krise des NS-Regimes" ausgelöst haben. Daß der Papen-Kreis Hitler mittels des militärischen Ausnahmezustands mattsetzen wollte, erwähnt Bloch nicht; er meint nur, Hitler habe die Reichswehr gebraucht, um sich der Monarchisten zu erwehren. Noch bevor Hindenburg die "Liquidierung Röhms" (!) gefordert habe, sei von der Mehrheit der Reichswehr die Nachfolge Hitlers als Präsident an die Bedingung geknüpft worden, Röhm zu beseitigen und die SA auszuschalten.

Derartige Ungenauigkeiten verhindern, daß Bloch den Tatbestand präzise herausarbeitet: Der entscheidende Interessengegensatz war nämlich der Konflikt zwischen Röhm und Reichswehr um die Herrschaft über die bewaffnete Macht. Hinzu kamen Rivalitäten der NS-Cliquen, der außenpolitische Druck gegen Röhms Miliz, der halbherzige konservative Umsturzversuch Papens. In der Zusammenarbeit von SS und Reichswehr wurde alles zur Putschabsicht Röhms hochstilisiert. Hitler sah sich zu einer vorher nicht beabsichtigten, wenngleich nicht untypischen Gewaltlösung getrieben.

Wichtige neue Spezialliteratur – die Arbeiten von Bennecke, Hans Martin Grass (Diss. Heidelberg 1966), Shlomo Aronson und von Heinz Höhne – hat Bloch nicht zur Kenntnis genommen, von den Quellen nur bisher ausgewertetes Material benutzt. Ob seine modische vulgärmarxistische Methode die Zustimmung ernsthafter marxistischer Historiker finden kann, ist zweifelhaft; sie ist nicht das Instrument, um eine gründliche sozialgeschichtliche Analyse des gesellschaftlichen Hintergrunds der Vorgänge des 30. Juni 1934 zu erbringen, die nach wie vor ein Desiderat der Forschung bleibt.