Von Theodor Wieser

Den folgenden Beitrag entnahmen wir, in leicht gekürzter Fassung, der „Neuen Zürcher Zeitung“

Die geprägten Charaktere und die farbigen Figuren der ersten Jahre der Bundesrepublik gehören endgültig der Vergangenheit an. Der Leser findet diese Köpfe noch in den alten Jahrgängen des Bundestagshandbuches, die ausgemergelten Gesichter der Nachkriegsjahre, in Stichworten darunter die verworrenen Lebensläufe in der Zeit der Weltkriege, der Weimarer Republik und der braunen Diktatur. Der freie Mann, gestellt auf seine eigene Leistung und sein eigenes Vermögen, ist immer mehr zur Rarität im Parlament, die Funktionäre von Verbänden sind dagegen in den Reihen der Fraktionen immer zahlreicher geworden. Mit dem Abschied vom Provisorium am Rhein wurde der Sockel der Beamten und Angestellten noch breiter. Das physiognomische Angebot verlor seine Vielfalt, und wie man sich in Bonn kein Bild von dem landschaftlichen Reichtum und der föderalistischen Mannigfaltigkeit des Landes machen kann, so trügt man sich auch über den Menschenschlag; in Städten und Städtchen der Provinz finden sich Typen, die auf der Bonner Szene längst ausgestorben sind.

Im Lauf der Jahre haben sich die landsmannschaftlichen Akzente in Bonn verschoben. Das gilt vor allem für die Exekutive. Mit dem ersten Kanzler, dem katholischen RheinländerAdenauer, erhielt das westdeutsche Element gleich zu Beginn eine starke Förderung. Das Stichwort vom herrschenden rheinischen Katholizismus war zwar ein Klischee – Adenauer selber fehlte die klerikale Gesinnung –, aber personell gibt es noch heute Spuren jenes Anfangs. Die Jahre Erhards und Kiesingers brachten dann eine Verlagerung nach dem deutschen Süden, ohne im selben Maße das Gesicht Bonns zu prägen, und mit der neuen Koalition ist seit 1969 ein norddeutsch-protestantisches Übergewicht zum Zuge gekommen, das weit über das SPD-Parteibuch hinausreicht. Der konfessionelle Proporz, der vor allem für die CDU ein internes Problem war, hat an Bedeutung verloren. Wem fällt es in Bonn noch auf, daß in der Regierung Brandt/Scheel nur zwei Katholiken sitzen, nämlich Verkehrsminister Leber und Landwirtschaftsminister Ertl? Ein führender Laie der Evangelischen Kirche, Heinemann, ist Staatsoberhaupt. Bundestagspräsident von Hassel kommt aus dem protestantischen Schleswig-Holstein. In der Regierung ist die Wasserkante mit dem geborenen Lübecker Willy Brandt, dem Hamburger Helmut Schmidt, auch mit dem einstigen Sachsen Wehner, der seit 1949 seinen Wahlkreis in Hamburg hat, mit dem Danziger Ehmke und anderen Männern vorherrschend geworden. Das löste in den ersten Monaten dieser Regierung – man erinnert sich an ein Interview Brandts mit der Times – selbst die Spekulation aus, daß nun eine Ära deutschbritischer und atlantischer Orientierung die Zeit der süddeutsch-französischen Dominante ablösen werde.

Landsmannschaftliche Schwerpunkte setzen in Bonn die Landesvertretungen der elf Bundesländer. Einige dieser innerdeutschen Botschaften sind – über die Wahrung politischer und administrativer Aufgaben hinaus – gesellschaftliche Treffpunkte im Bonner Leben, an ihrer Spitze Bayern und Baden-Württemberg. Nicht nur Bayern oder Schwaben in Bonn finden sich dort ein, sondern die beiden Länder selber entfalten unter der Obhut der versierten und aufmerksamen Gastgeber in Ausstellungen, Vorträgen oder auf Empfängen mit kulinarischen Kostproben ein Bild eigenständigen Lebens ihrer Länder und erweitern so den abstrakten Bonner Alltag....

Reste vergangener Epochen sind physiognomisch noch sichtbar: die männlichen Gesichter von Offizieren, deren Tüchtigkeit einem Stich des 18. Jahrhunderts entnommen scheint; der Auftritt eines Edelmannes, so sicher, als gliederten noch immer Stände diese bundesrepublikanische Gesellschaft; Disziplin und Maß in den Zügen eines Beamten preußischer Provenienz, als wäre dieses Preußen, mächtige Kraft der deutschen Geschichte, nicht längst zerfallen und zerbrochen nach Ost und West hin. Seltenheitswert hat jener Typ des deutschen Professors, der artikuliert in seinen Zügen die eigentümliche Mischung von Provinzialismus und Universalität darstellt.

Die Versuchung liegt nahe, zwischen zwei großen Politikern der Bundesrepublik, nämlich Adenauer und Wehner, eine polare Spannung deutscher Physiognomik zu postulieren. Wehner selber gab mit dem Vergleich „politisches Urgestein“ das beste Stichwort für den ersten Kanzler. Das kühle Patriarchengesicht des Rheinländers war geprägt durch die starken Jochbogen, die ihn auch zum Indianer-Ehrenhäuptling prädestinieren mußten. Sie schlossen Ober- und Untergesicht in einer Weise zusammen, die kennzeichnend war für die feste Struktur seines Wesens. Da war kein Kampf zwischen Oben und Unten im Gange. Adenauer war ein Mann fester Ordnungen, verankert in Traditionen, die tief ins neunzehnte Jahrhundert hineinreichten. Eine unerschütterliche Statik herrschte vor; nur die Zeit grub immer tiefere Runen in das gelassene Gesicht des alten Herrn.