Von Theo Sommer

Fünfundsechzigtausend Wörter, fast zweihundert Schreibmaschinenseiten – das ist Richard Nixons zweiter Bericht über die amerikanische Außenpolitik. Der rhetorische Schwung der Ghostwriter tritt diesmal hinter der Einsicht der Staatsmänner zurück: Die Welt spiegelt sich wieder mehr, wie sie ist, nicht, wie sie sein soll. Der zweite Bericht nimmt den ersten nicht zurück, modifiziert ihn aber in manch wesentlicher Hinsicht. Das gilt zumal für jenes Kernstück, dem seine Verfasser in unbescheidener Selbstverständlichkeit den Namen des Präsidenten gaben: die Nixon-Doktrin.

Im vergangenen Jahr wirkte diese Doktrin wie eine Ankündigung, daß die Vereinigten Staaten sich aus der Weltpolitik zurückzuziehen gedächten, erst in Asien, danach in Europa; Über-Engagement wurde als die große Sünde Washingtons gegeißelt. Der Vietnamisierung Vietnams, so war deutlich zwischen den Zeilen zu lesen, werde die Europäisierung Europas folgen. Amerika schien drauf und dran, sich allenthalben hinter den Horizont zurückzuziehen.

Ganz anders der Tenor des diesjährigen Berichtes. Plötzlich erscheint ein amerikanisches Unter-Engagement als größte Gefahr. Die Nixon-Doktrin, so heißt es nun, sei keine "Formel für achtlosen Abzug"; überhaupt müsse man sie als "philosophische Haltung" verstehen, nicht als "detaillierten Entwurf". Es komme darauf an, die weltpolitische Rolle der Vereinigten Staaten in einer Weise zu ändern, die nicht die Ziele der amerikanischen Politik in Frage stelle: "Abrupte Wandlungen, wie vernünftig sie im Konzept auch sein mögen, bringen die Dinge durcheinander. Wenn wir in den Ruf der Unstetheit geraten, würden wir uns selber isolieren."

In der Rundfunkansprache, in der Nixon dem amerikanischen Volk seine außenpolitische Botschaft erläuterte, wurde die neue Tonart noch um einige Grade deutlicher. "Wir haben in den vergangenen Jahren die Gefahren des Über-Engagements erfahren. Die andere Gefahr – die ebenso ernst ist und die wir genauso entschlossen vermeiden müssen – ist die eines Unter-Engagements. Nach einem langen und unpopulären Krieg liegt die Versuchung nahe, daß wir uns nach innen wenden, von der Welt abkehren und uns aus unseren Verpflichtungen lösen ... Unsere Außenpolitik steuert heute einen geraden Kurs zwischen der alten Gefahr, daß wir uns zu viel einmischen, und der Versuchung, daß wir uns zu wenig um die Welt kümmern ... Wir wollen unseren Freunden die Zeit und die Mittel geben, sich materiell und psychologisch der neuen Form des amerikanischen Mitwirkens an der Weltpolitik anzupassen."

In derlei ernüchterten Formulierungen drückt sich eine Einsicht aus, die sich dem Weißen Haus in den zurückliegenden zwölf Monaten offenbar mit einiger Macht aufgedrängt hat: Keine Großmacht kann abdanken, ohne jeglichen Einfluß auf den Gang der Weltpolitik zu verlieren. Sie kann sich aus Sackgassen zurückziehen, aber sie kann nicht einfach die Flinte ins Korn werfen. Die Liquidierung des Vietnamkrieges ist eines, der Abzug aus Europa etwas ganz anderes.

Deswegen unterstreicht der Präsident in seiner außenpolitischen Botschaft auch den Entschluß, den er schon Ende 1970 verkündete: die amerikanischen Verbände in Europa – etwa 25 Prozent der Nato-Streitkräfte in Mitteleuropa – trotz vielerlei innenpolitischer Pressionen nicht einseitig zu vermindern. Die Begründung dafür liest sich fast wie eine Rede des Bundesverteidigungsministers: Nur ein substantieller US-Beitrag gebe der Strategie der flexiblen Reaktion Kraft und Glaubwürdigkeit; nur er begründe das Vertrauen der Partner auf die USA; nur er ermutige die Europäer, selber mehr zu leisten.