Sibylle vom stern hat vor etlichen Wochen Rosa Luxemburg entdeckt – spät, aber immerhin. Seither mochten alle in diesem Lande, denen Frauenemanzipation und Kommunismus gleichermaßen ein Greuel sind, beruhigt sein, denn nach Sibylle war die "rote Rosa" "vor allem eine Liebende", mit "zwar männlichem (!) Denken, aber höchst weiblichem Fühlen", "ein Mädchengemüt, dem die Schulter fehlte, um den Kopf anzulehnen". Diese Weisheit schöpfte die Kolumnistin aus Briefen, die Rosa Luxemburg ihrem polnischen Lebensgefährten und Mitstreiter Leon Jogiches geschrieben hat. Freilich kannte sie nur einige Zitate aus verschiedenen Biographien. Denn die Korrespondenz zwischen diesen beiden Marxisten, die auf die Entwicklung der polnischen, russischen, deutschen und internationalen Arbeiterbewegung einen immensen Einfluß ausgeübt haben, ist erst in den letzten drei Jahren in Polen vollständig und ungekürzt herausgegeben worden. Aus den drei Bänden (918 Briefe und Karten in der Zeit von 1893 bis 1914) erscheint nunmehr zum erstenmal eine Auswahl in deutscher Übersetzung:

Rosa Luxemburg: "Briefe an Leon Jogiches"; eingeleitet von Feliks Tych, aus dem Polnischen von Mechthild Fricke-Hochfeld und Barbara Hoffmann; Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt 1971; 392 Seiten, 28,– DM.

Es nützt nichts, sich mit (noch so wohlgemeinten) Buchauszügen in bürgerlichen Zeitungen zu begnügen, solange auch darin wieder nur das Menschliche, Allzumenschliche dieser Politikerin herausgestellt wird. Denn hier handelt es sich niemals nur um Liebesbriefe, nur um private Tagebuchnotizen, sondern vielmehr um die Chronik eines parteipolitischen Tageskampfes, unentbehrlich als Quelle für die Geschichte der europäischen Arbeiterbewegung vor 1914 und als Ergänzung der Biographie Rosa Luxemburgs. Man muß sich schon die Mühe machen, die Briefe ganz zu lesen, will man etwas von der politischen Kraft dieser Frau erfahren, von dem gewaltigen Arbeitspensum, das sie Tag für Tag geleistet hat: als Dozentin, als Journalistin, als Rednerin, als Schriftstellerin, als Gesprächspartner, Anreger und Widersacher wohl aller führenden Marxisten jener Zeit.

Die Momente weiblicher Schwäche, die Sibylle so genüßlich zitiert, die gelegentlich durchbrechende Sehnsucht nach bürgerlich geordneten Familienverhältnissen mit Baby und verglastem Bücherschrank – das alles bedeutet nicht mehr als das Lamentieren des großen Preußenkönigs, wenn er im Kriegslager von Sanssouci träumt. Was zählt, sind andere Töne: "Ich weiß auch, daß in einem Jahr oder in zweien keine Intrigen, keine Furcht und Mißgunst mehr verhindern, daß ich einen der ersten Plätze in der Partei einnehmen werde... Ich habe die Absicht und die Lust, aktiv zu ‚schieben’... den Schlendrian zu bekämpfen usw., mit einem Wort, der Bewegung dauernder Sporn zu sein."

Sporn ist sie fürwahr gewesen; sie hat frischen Wind in die sozialdemokratische Vereinsmeierei geblasen; sie meinte Revolution, wo andere nur davon sprachen. Viele Briefe durchzieht die Dramatik und Bitternis der innerparteilichen Kämpfe in der deutschen Sozialdemokratie, deren linker Flügel sich damals so wenig wie heute durchzusetzen vermochte.

Für die Spitzenpolitiker der Sozialdemokratie hat diese Frau nur Verachtung übrig gehabt: "Jeder Kontakt mit der Parteibande hinterläßt in mir so einen schalen Geschmack, daß ich jedesmal beschließe: drei Seemeilen weit vom tiefsten Stand der Ebbe!... Nach jeder Fühlungnahme mit ihnen wittere ich so viel Unrat, sehe ich so viel Charakterschwäche, Nichtigkeit usw., daß ich zurück in mein Mauseloch eile." Boshafte Bemerkungen konnte sie sich nie verkneifen; auch Anarchisten und Bolschewisten wurden nicht geschont: Landauer ist ein "Esel", Litwinow ein "Vollidiot". Doch solche Temperamentsausbrüche darf man nicht überbewerten – auch der Geliebte (Dziodzio) wird zuweilen als "Esel" tituliert. Überhaupt sind die Beziehungen zwischen Luxemburg und Jogiches nie von Spannungen frei gewesen – dazu besaßen beide Revolutionäre einen viel zu ausgeprägten Willen. Der Bruch zwischen den Liebenden – der ihrer Kampfgenossenschaft jedoch keinen Abbruch tat – geht zu beider Lasten. Sie konnte es nicht lassen, ihn zu schulmeistern; er wiederum versuchte, sie nach seinen Vorstellungen zu erziehen. Kurz vor der Trennung (1905) drohte sie ihm zärtlich: "Mein Schatz – wende ‚Pferdekuren‘ bloß nie mehr bei mir an, ja?... Ich habe einfach ein Pflanzenleben, und man muß mich so lassen, wie ich bin."

Diese Briefe Rosa Luxemburgs sind ohne jenen literarischen Anspruch geschrieben, den wir ansonsten bei ihr antreffen und dem wir einige der schönsten Briefe deutscher Sprache verdanken. Aber immer sind sie lebendig, ursprünglich, unmittelbar, unverstellt.

Die Edition zeugt von großer Sorgfalt des Herausgebers; jedes Dokument ist mit vielen, oft ausführlichen Anmerkungen kommentiert worden. Beim Lesen des Vorwortes darf man nicht ganz die besonderen Bedingungen außer acht lassen, denen ein polnischer Autor unterworfen ist. Aber er hat eine unanfechtbare Ausgangsbasis – Lenins berühmtes Wort über Rosa Luxemburg: "Trotz ihrer Irrtümer war und bleibt sie ein Adler." Karl-Heinz Janßen