Die verfehlte Agrarpolitik der EWG

Von Marion Gräfin Dönhoff

Als am Wochenende 60 000 Bauern in Bonn aufmarschierten und eine Erhöhung der Agrarpreise um zehn Prozent forderten, meinten viele Hausfrauen schreckerfüllt, nun würden automatisch die Verbraucherpreise um den gleichen Betrag steigen. Dies aber ist – oder vielmehr wäre – nicht der Fall.

Das Auseinanderklaffen der Erzeuger- und Verbraucherpreise hat in unserer bearbeitungs- und verpackungswütigen Luxus-Konsum-Gesellschaft ganz phantastische Ausmaße angenommen. Während sich in den letzten zwei Jahrzehnten der Brotpreis für die Verbraucher fast verdoppelt hat, ist der Getreidepreis für die Bauern um zehn Prozent gesunken. In einem Flugblatt des bayerischen Bauernverbandes hieß es vor kurzem: "Wir Bauern bekommen jetzt für einen Liter Milch 34 Pfennig, für ein Ei 14 Pfennig, für ein Pfund Schweinefleisch 97 Pfennig, für ein Hähnchen, das ein Pfund wiegt, 80 Pfennig und für ein Pfund Kartoffeln fünf Pfennig."

Die Unkosten der Landwirtschaft – Löhne, Baukosten, Maschinen, Reparaturen – steigen dagegen von Jahr zu Jahr. Kein Wunder, daß die Bauern auf die Straße gehen und protestieren. Sie wollen keine Extrawurst, sie wollen lediglich teilhaben an der allgemeinen Einkommensentwicklung. Mit einem Wort, sie haben es satt, diskriminiert zu werden. Diskriminiert aber werden sie schon in der Vorstellungswelt der meisten Bürger. Kaum ein Passant, der sich nicht erregte, wenn ein Opel-Kapitän oder auch nur ein Volkswagen auf dem Felde steht. Bauern dürfen offenbar nicht Auto fahren. Bauern sollen zu Fuß gehen: "Im Schweiße deines Angesichts sollst du das Brot produzieren."

Das ist denn auch die Realität. In der Landwirtschaft wird wesentlich länger für erschreckend viel weniger Lohn gearbeitet; im Agrarbericht der Bundesregierung für 1970 heißt es, daß der Lohnabstand zu der Vergleichsgruppe der Industrie 29 Prozent beträgt, für die fast drei Millionen Bauern gibt es keine Krankenversicherung (ständige Familienarbeitskräfte 1,7 Millionen, nicht ständige 1,2 Mill.), für die Kinder im allgemeinen nicht die gleichen Bildungschancen und für die Alten erst seit 1957 eine nicht einmal obligate Altersversicherung. Sie zahlt für Verheiratete 175 Mark, für Unverheiratete 115 Mark im Monat. Zur Zeit leben über eine halbe Million alter Leute von dieser Hungerrente.

Es gibt zwei Gründe, warum unsere Landwirtschaft in eine so katastrophale Situation geraten ist. Der erste hängt mit ihrem besonderen Charakter zusammen, nämlich damit, daß die Landwirtschaft, die ja nur einmal im Jahr einen Atemzug tut, in einer sich hektisch verändernden Gesamtwirtschaft wie ein Anachronismus wirkt. Außerdem geht es bei der Landwirtschaft immer noch um "Urproduktion", während in der Industrie viele Produkte auswechselbar geworden sind: aus dem Rohstoff der petrochemischen Industrie kann man je nach Bedarf Autokarosserien, Strümpfe, Swimming-pools oder Geschirr fertigen.