Von Jean Améry

Die interessante und gewiß bedenkenswerte Widerrede Rolf Düspohls (ZEIT Nummer 7/1971) auf mein Profil des radikalen Liberalen war hinlänglich polemisch. Einzugehen auf diesen Ton wäre schriftstellerisch reizvoll, aber wenig ersprießlich für den Leser und die Sache. Darum nur ein paar Feststellungen. Verstehe ich Rolf Düspohl recht, dann wirft er mir die folgenden Denk- beziehungsweise Haltungsfehler vor:

  • Mein Beitrag sei eine Apologie „politischpraktischer Insuffizienz“ gewesen.
  • Nichts Besseres sei vorgeschlagen worden als „blinde Entscheidung“ und „Dezisionismus“.
  • Eingeschüchtert von der Dialektik der Neuen Linken, hätte ich als „Schwacher“ zu meiner Rettung „Umarmungstaktik“ getrieben.
  • Die Radikalität, von der ich sprach und die ich dem Liberalen empfahl, sei nur Dekoration und bleibe wirkungslos im „Spannungsfeld“ von Theorie und Praxis.
  • Notwendigerweise müsse derartiger intellektueller Eskapismus dem „härtesten Verdikt unserer Zivilisation“ verfallen und von diesem als „belanglos“ verworfen werden.

Sehen wir zu.

Politisch-praktische Insuffizienz. Wer wollte leugnen, daß alle sich als liberal bezeichnenden Parteiformationen, die wir kennen, tatsächlich politisch insuffizient sind? Da dem so ist, habe ich den fragmentarischen und seinerseits gewiß insuffizienten Versuch unternommen, radikalliberales Denken und Verhalten loszuketten von längst heillos kompromittierten Parteigebilden und liberalen Wirtschaftstheorien. Darum aber ist radikal-liberales Verhalten doch nicht unbedingt politisch chancenlos. Radikale Freiheitlichkeit, parteilich nicht fixierte, der Idee des Privateigentums nicht verschworene, hat so schlecht sich nicht bewährt in den westeuropäischen Widerstandsbewegungen während des Zweiten Weltkriegs: Der von der Gestapo zu Tode gemarterte Liberale Jean Moulin, erster Präsident des Zentralen Widerstandsrates in Frankreich, legt durch sein Andenken Zeugnis dafür ab. Radikaler Liberalismus richtet sich physisch auf gegen Oppression, in Spanien so gut wie in der UdSSR: und zwar in der dramatischen Praxis, ohne voraufgehende begriffskritische Diskussion.

Ist hier „Dezisionismus“ am Werke, werden „blinde Entscheidungen“ getroffen? Mein Eindruck geht nicht dahin. Denn wenn auch in jenen Lebenslagen, in denen Freiheit und Unfreiheit sich selber gesellschaftlich und politisch definieren, die strenge begriffliche Debatte sich nicht hervortun soll, nicht darf, kann von Blindheit gleichwohl nicht gesprochen werden. Der radikal-liberale „Dezisionismus“, der unmittelbar in die Wirklichkeit einmünden will, trifft seine Entscheidungen nicht in Blindheit, sondern fordert maximale Klarsicht. Dann ist unter Umständen auch der Liberale „extrem“, trägt seine Haut zu Markte und verkauft sie so teuer wie möglich, denn er hat eingesehen: Freiheitsentzug und Widervernunft sind für ihn Fakten seiner Erfahrung. Sein radikales Wagnis ist nicht der „Kamikaze-Sprung“ des hilflosen Theoretikers, sondern die Selbstbekräftigung des Menschen in seiner handgreiflichsten Auseinandersetzung mit dem Gegen-Menschen. Als Bürgen rufe ich die Schatten jener jungen Leute in den USA auf, die nach dem Süden gingen und sich irgendeinem Sheriff-Gorilla stellten.

Ein Wort zu meinem, unserem Eingeschüchtertsein durch die linke Dialektik, zu der uns angeblich nur „Umarmungstaktik“ einfällt. Die Dialektik macht uns nicht bange: Aus guten Gründen erkennen wir sie an, wo sie anerkennenswert ist. Dialektische Vernunft (im Sinne von Jean-Paul Sartres „Critique de la raison dialectique“) und analytische Vernunft (die Hans Albert „Kritische Vernunft“ nennt) sind, so glaube ich, nicht unbedingt kontradiktorisch, sondern in weiten Bereichen politischen Denkens komplementär. Wird jene nicht durch diese streng kontrolliert, artet sie aus zu einem mechanistischen Spiel mit Begriffen; glaubt diese auskommen zu können ohne jene, dann erstarrt sie zur baren Logik, die nichts weiter kann, als das schon Gegebene in tautologischen Sätzen zu erfassen. Mit der dialektischen Vernunft nehme ich mich selbst in das Geschehen hinein, introduziere ein dynamisches, voluntaristisches Element in die Inertia der Realtität; analytische (kritische) Vernunft gebrauchend, zügle ich den sich entgrenzenden Voluntarismus und Utopismus. Ich kapituliere nicht vor der Dialektik, vielmehr stelle ich sie in meinen durchaus praktisch-politischen Dienst. (Nur ganz am Rande sei noch vermerkt, daß Logik nicht „abqualifiziert“ wird, wenn man sie als Logistik bezeichnet, sondern aufgewertet: Logistik ist die fortgeschrittene, mit Symbolen operierende Form der Logik.)