Von Joachim Nawrocki

Berlin, im März

Haben die Staatssekretäre Bahr und Kohl bei ihrem Weg in den finsteren Wald, von dem Bahr sprach, eine Lichtung erreicht, auf der es sich gut plaudern läßt? Nähern sich zugleich die Vier Mächte einer Berlin-Regelung, und versucht der DDR-Ministerpräsident Stoph mit seinem Brief an den Berliner Regierenden Bürgermeister Schütz hilfreich zu sein? Noch ist nicht ausgemacht, was sich von alledem nur als Fata Morgana erweist.

Gewiß, die Gespräche zwischen Bahr und Kohl finden jetzt in etwas gelösterer Atmosphäre statt; aber über den Berlin-Verkehr kann und will Bahr nicht verhandeln, solange nicht die Vier Mächte solchen Verhandlungen zugestimmt haben. In dem Kommuniqué des letzten Viermächtegespräches wird nun zum ersten Male von Verhandlungen gesprochen; hingegen war in den Berichten der Presseagenturen der DDR und der Sowjetunion weiterhin nur von Gesprächen die Rede. Stophs Brief ist ein diplomatisches Meisterwerk; er enthält neue Töne und interessante Formulierungen, doch ein Einlenken der DDR kann nur hineininterpretiert, noch nicht mit Sicherheit herausgelesen werden.

Die Entwicklung der letzten Tage hat die Vermutung aufkommen lassen, die Viermächtegespräche seien schon so weit gediehen, daß die DDR-Regierung nun eilends versuche, auf den abgefahrenen Zug aufzuspringen, den sie bisher zu bremsen versuchte; angeblich hat die Bukarester Außenminister-Konferenz des Ostblocks vor zwei Wochen die DDR hierzu ermuntert. Ist es tatsächlich gelungen, die DDR zum Einlenken zu bewegen?

Vieles deutet darauf hin, daß die DDR nun die Weichen für eine Entspannungspolitik stellen will, die sie nicht mehr aufhalten kann. In Stophs Brief an Schütz heißt es zu den vorgeschlagenen Verhandlungen über den Besuch von West-Berlinern in der DDR und in Ost-Berlin: "Eine Vereinbarung in dieser Frage kann verständlicherweise in dem Falle verwirklicht werden, wenn Vereinbarungen über andere West-Berlin betreffende Fragen, die in entsprechenden Verhandlungen beraten werden, in Kraft gesetzt sind." Das klingt, als erkennte Stoph die Priorität der Viermächtegespräche an, was in der Tat ein bedeutender Fortschritt wäre. Aber unter "entsprechenden Verhandlungen" kann Stoph ebensogut die Gespräche zwischen Bahr und Kohl verstehen. Wohl nicht zufällig erwähnte Stoph die Vier Mächte nicht direkt. So ließe sich denn ebensogut argumentieren, Stophs Vorschlag laufe wiederum darauf hinaus, ein Vier-Mächte-Thema auf die deutsche Ebene zu ziehen, ehe die Vier darüber eine Einigung erzielt haben. Den gleichen Versuch unternimmt Kohl beim Berlin-Verkehr.

Der DDR-Ministerratsvorsitzende mag wegen des Berliner Wahlkampfes auf die prompte Zustimmung von Schütz spekuliert haben. Aber der Bürgermeister stellte in seiner Antwort ganz klar, Verhandlungen könnten nur "unter Beachtung des größeren Zusammenhangs beginnen, sobald die laufenden Viermächte-Verhandlungen, denen nicht vorgegriffen werden kann, einen entsprechenden Stand erreicht haben".