Hamburg

Nein, Bürgersinn haben die Hamburger nicht; nichts spricht gegen den Verdacht, sie seien allesamt asozial. Nur so ist auch begreifbar, warum sie so gelangweilt zur Kenntnis nahmen, was ihnen ihre Lokalzeitungen mit schlafmütziger Trauer bekanntgaben: daß eine alte hamburgische Institution zerstört wird, ein Café, schon wieder ein Café, eines der letzten mit unverwechselbarem Charakter und keineswegs nur "von alten reichen Tanten" besucht, nebenbei die älteste deutsche Konditorei. Nächste Woche schließt das Café Wilm, im 18. Jahrhundert gegründet, im 19. aufgeblüht, seit 1921 an dieser Stelle zwischen Musenhaus und Kaufhaus, zwischen Thalia-Theater und Karstadt – und vom Kaufhaus wird es nun gefressen, und die Stadt stopft es ihm selber in den Rachen. Sozusagen.

Das Café schließt nicht, weil es an Besucherschwund litte. Es schließt, weil die Stadtverwaltung – somit den Ruf der Pfeffersäcke-Stadt fördernd – weniger Sinn für hamburgische Tradition als für hamburgische Renditen hat. Und selbstverständlich ist dieser Sinn mit dem für Ordentlichkeit gepaart, denn das Café geht vollständig korrekt zugrunde: Anfang nächsten Jahres fällt das Grundstück an den Eigentümer, die Stadt, zurück, weil der Pachtvertrag zu Ende geht. Damit enden automatisch alle Mietverträge. Die Stadt wird das mit einer originellen Fassade versehene, keineswegs baufällige Backsteinhaus abreißen lassen, um es einem weit potenteren Mieter, der schon lange auf räumliche Expansion drängt, zur Verfügung zu stellen: für ein Parkhaus, die Verwaltung und die Möbelabteilung des Kaufhauses nebenan. Eine Konkurrenz zwischen Kaufhaus und Café wäre absurd gewesen, denn, sagt der jetzige Inhaber, Armin Gustav: "Mit Kaffee und Kuchen kann niemand mehr solche in die Höhe getriebenen Mieten bezahlen."

Dergleichen geschieht bisweilen auch in anderen Städten, aber dort nennt man das einen Skandal. Nicht weil sie intensivere Caféhausgänger wären, sondern weil sie mehr Geschichts- und Gemeinsinn haben, verhinderten beispielsweise die Münchner im Herbst vorigen Jahres, daß mit dem Hofgarten-Café Annast das gleiche geschah wie kurz vorher mit dem Hamburger CaféL’Arronge: daß daraus eine Bankfiliale wurde. Als nämlich in München der Verkauf ruchbar geworden war, protestierte sofort der Münchner Bürgerrat und legte Protestlisten aus; die Öffentlichkeit, durch ihre Zeitungen enragiert unterstützt, bildete ein Annast-Komitee; die aus dem Schlaf gerissene Staatliche Schlösserverwaltung entdeckte jetzt auch eine Verordnung aus dem Jahre 1861, die unvermutet Hilfe bot; die Stadt erließ eine aufschiebende Verordnung; der Oberbürgermeister schrieb an Käufer und Verkäufer einen Brief, redete ihnen ins Gewissen: denn zwar war der Handel korrekt; aber, die ganze Stadt betreffend, war er unmoralisch. Hatte es anfangs gehießen "Wieder ein Stück München verloren", hieß es bald "So könnte das Annast gerettet werden" oder "Die Stadt kämpft um das Annast" und endlich "Das Annast ist gerettet". Man nannte die Angelegenheit beim Namen: den "Annast-Skandal".

In Hamburg spricht man nicht vom "Wilm-Skandal". Man ist auch ans Café-Sterben gewöhnt: Hübner aus privaten Gründen aufgegeben, Gustav Adolf an Mietforderungen eingegangen, für L’Arronge gegenüber der Oper gab es keinen Nachfolger, das Orchideen-Café haben die Stadtplaner hinausgeplant, Café Wilm kann nicht soviel zahlen, wie die Stadtverwalter von anderen Mietern erwarten kann.

Auf die Frage, ob es denn nicht schizophren sei, einerseits den Willen zur Stadtbelebung zu behaupten, andererseits Stadtbelebendes rücksichtslos zu eliminieren, kam die Antwort: Es sei doch sehr die Frage, was mehr belebe, ein altes Café oder ein Parkhaus. Manfred Sack