Von Hellmuth Karasek

In 77 deutschen Gemeinden, so weist es die Statistik aus, wird an 188 Spielstätten Theater gespielt. Dreißig dieser Spielstätten (sprich: Bühnen) unterstehen den Länderregierungen; 107 haben Städte als Rechtsträger, 51 existieren in privater Rechtsform, was nicht bedeutet, daß es sich hierbei um Privattheater handelte. Sie sind vielmehr über die Rechtsform der AG, der GmbH, der öffentlichen Körperschaft an den Subventionsfluß und damit an die Aufsicht der städtischen Öffentlichkeit angeschlossen. Denn zu den oben angeführten Bühnen kamen noch, wieder laut Statistik für die Spielzeit 1968/69, in 26 Gemeinden 69 Privattheater. Außerdem gibt es "7 Gemeinden mit Festspielunternehmen".

Für Theater ist also in Deutschland gesorgt. An der Spitze all dieser Theater, vom großen Schiller-Theater in Berlin, das drei Bühnen bespielt und über dessen Ensemble der Witz kursiert, es sei so groß, daß sich in ihm Bormann versteckt halten könne, bis zum Rheinischen Landestheater in Neuß, an der Spitze all dieser Theater also steht der Theaterleiter, auch Intendant genannt. Bis vor kurzem zitierten anekdotisch gestimmte Gemüter, kamen sie auf den Intendanten zu sprechen, gern Heinrich Laube, der selber Intendant, nämlich Direktor des Wiener Burgtheaters war. "Schauspieler, Räuberbanden und Soldaten", so hatte Laube gemeint, "brauchen gute Führer, sonst sind sie alle drei nichts wert." Inzwischen scheint für das deutsche Theater eine Epoche zu Ende zu gehen, die an die Namen der großen Theaterleiter und Intendanten geknüpft war – auch dann noch, wenn sie große Namen eher vorschützen mußte als aufzuweisen hatte.

Das Jahr 1972 bringt für viele deutsche Bühnen die große Wachablösung. Deutlich wird eine Zäsur zu einer Theaterphase, die Hamburgs Schauspielhaus mit dem Namen Gründgens verknüpfte, in Düsseldorf von Stroux-Bühnen und in Berlin von Barlogs Theater sprach. Ob man an Schalla in Bochum. denkt, an Buckwitz in Frankfurt: das deutsche Theater war in den fünfziger und sechziger Jahren ein Intendantentheater. Die Intendanten waren seine Kurfürsten, in der öffentlichen Vorstellung selbstherrliche Künstlernaturen, Barock-Erscheinungen, deren vorgegebene Eigenwilligkeit den ganzen kulturellen Stolz eines Gemeinwesens ausmachen konnte.

Die Kulturverantwortlichen der Länder und Gemeinden beriefen sie. Waren sie erfolgreich, dann entglitten sie in einer Zeit, die sich leicht auch über ihr politisches Theater verständigen konnte, den Einflüssen ihrer Kulturbehörden, dann waren sie Herren der Schauspieler, der Regisseure und Dramaturgen. Was sie spielen wollten und konnten, wurde gespielt. Kurz: auf dem deutschen Theater Schien das Duodezfürstentum ein eigenständiges Weiterleben zu führen, gedeckt vom Fanfarenstoß der "künstlerischen Freiheit".

Daß dies nicht mehr so ist, hat mehrere Gründe. Zunächst den allgemeinen, daß dieses Theater der großen "Persönlichkeit" in den seltensten Fällen hielt, was es versprach. In der Auseinandersetzung zwischen dem vorwiegend bürgerlichen Publikum und den vorwiegend antibürgerlichen Affekten der Autoren, von denen nach und nach auch die Theaterleute infiziert wurden, schlugen sich die Intendanten in der Regel auf die Seite des Publikums, ohne zu überlegen, ob die vielberufene Theateröffentlichkeit mit den wirklichen öffentlichen Interessen auch noch übereinstimmte. Die Farce der Brecht-Verweigerungen und der anschließenden Brecht-Rezeption ist noch nicht geschrieben. Aber in gewisser Weise erwies sich Brecht und das auf seinen Spuren sich politisch und gesellschaftskritisch artikulierende Theater als eine Art "trojanisches Pferd": Zum Zwecke der Entschärfung schließlich in die Theater eingelassen, machten Brechts Stücke und Theorien die Theaterleute auf die Kluft aufmerksam, die zwischen der hierarchischen Theaterstruktur und den von diesen Theatern verkündeten Aufführungserkenntnissen bestand. Während der Notstandsdebatten muckten viele Theaterleute auf. Erstmals stießen sie dabei auf die geradezu despotische Ordnung ihrer Institution.

Die aber war auch im Glauben an die Schöpferkraft des Künstlers verinnerlicht. Wo im Theater von Mitbestimmung und Mitsprache die Rede war, wurde ihr mit dem "Karajan"-Argument begegnet. Dabei war es das Pech dieser Gegenargumentation, daß diejenigen, die sich auf das autokratische Künstler- und Schöpfertum beriefen, ausgerechnet mit ihrem "Künstlertum" empfindliche Schlappen einstecken mußten. Es zeigte sich nur zu oft, daß der Rückzug auf die Theaterästhetik, die sich, wie man behauptete, anders doch nicht herstellen ließe als durch den Autokraten mit Vollstreckungsbeamten, erwies, daß diese Theaterästhetik meist nur ein dürftiger Schleier über der absoluten Leere war. Mit einem Theaterstil schien auch eine Theaterstruktur abgewirtschaftet zu haben.