Von François Bondy

Das "Omegabet" verhält sich zum Alphabet wie das Omega zum Alpha, das Ende zum Anfang. Manganellis erste Prosadichtung – das ist ein Verlegenheitsterminus, hier zur Kontrastierung gegenüber seinen literarischen Essays gebraucht – hieß "Ilarotragedia" und in Toni Kienlechners kongenialer Übersetzung "Niederauffahrt". Damals also hat Giorgio Manganelli seine Lust am Paradox bereits im Titel seines Buches ausgedrückt. Diesmal tut es die Übersetzerin – der italienische Titel ist "Nuovo commento" (Neuer Kommentar) –, aber gewiß in Absprache mit dem Autor. Die Wiederholung weckt den Verdacht, daß sich hier ein Schriftsteller von originaler und virtuoser Sprachgewalt, wie er einer ist, in einem "procédé" eingerichtet hat, noch unverblümter gesagt: daß er sich wiederholt. Verhält es sich so?

Die erste der beiden Fastnachtspredigten – so kann man es auch nennen – hat mit dem "Exkrement" zu tun, mit allem, was abwärts geht, zum "Hades" drängt; um diese swiftsche Ekelsvision rankte sich eine strotzende Bilderwelt. Im neuen, wiederum staunenswert übersetzten Buch –

Giorgio Manganelli: "Omegabet", aus dem Italienischen von Toni Kienlechner; Quartheft 40/41, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin; 129 S., 9,80 DM

– ist es die Idee der Paraphrase, des Kommentars, der das Beinahe-Nichts des Menschen erst zu einem Etwas macht – eine Idee, die durch eine große Varietät einzelner Einfälle und eingesprengter Erzählungen beleuchtet wird. Der Körper selber ist Zeilensprache, Paraphrase, Schriftwerk: "Ist nicht vielleicht unser Leib Indiz, Warnung, Zeichen, vielleicht von Gott zusammengestellter Brief; sind wir vielleicht nicht Botschaften mit Eigenantrieb, Räumungstelegramme, schmerbäuchige Episteln, blutige Predigten, psychologisierte Liebesbriefchen, vagabundierende Visitenkarten, nächtliche Lichtpausen? Und was bedeutet dies unser Geschriebensein anderes als eine geniale Publikationsform eines lebendigen und lebhaften Kommentars? Und da ein jeglicher von uns ganz geschrieben ist, könnte jeder Leib, in Leder gebunden, sich als Einzelband eines großen Werkes vorstellen oder doch als farbige Wochenheftlieferung einer Universal-Enzyklopädie."

Schreiben – das bedeutet Willkür, Lüge, Entfernung vom gegebenen "Text" ("Literatur als Lüge" ist der bekannteste Essayband des Anglisten Manganelli), und der in jeder Äußerung ganz von Kommentaren durchsetzte Mensch gehört zwangsläufig selber der Sphäre der Lüge an. Nicht sein Absinken ins Nichts, sondern sein Anwachsen zum lügenhaften Etwas ist also diesmal das Thema. Wiederum ist eine relativ einfache, kräftige Grundidee in den Taumel einer überströmend bildhaften Sprache versetzt, und zwar einer von Einfall zu Einfall, von Bild zu Bild drängenden Sprache, die die Gesetze des Atmens, der Pause nicht zu kennen scheint, so daß diese muntere Überfülle schließlich beinahe zur Qual werden kann.

In "Niederauffahrt" war der Mensch "eine Maschine aus Fleisch und Metall". In "Omegabet" sind die beiden am häufigsten vorkommenden Worte "Samen" (oder "Sperma") und "Lüge". Was heißt das?