München

Ein dunkelblauer BMW 2800 mit dem polizeilichen Kennzeichen M-XA 194 raste am Freitag vergangener Woche im Schneetreiben bei Rotlicht über einige Straßenkreuzungen der Münchner Innenstadt in Richtung Autobahn Nürnberg. Es war kurz nach 20 Uhr. Der Mann am Steuer wollte die Polizei abhängen. Das gelang ihm auch. Die Verfolger sagten später, wären sie dem schnellen BMW nachgeprescht, hätten sie eine Gefahr für das Leben der Verkehrsteilnehmer heraufbeschworen.

Für den schnellen Fahrer galt es, ein Kinderleben zu retten. Auch das gelang ihm. Gerade noch rechtzeitig konnten die Boulevardzeitungen für die Wochenendausgabe in zehn Zentimeter großen Fettbuchstaben drucken: „Gerettet“. Der siebenjährige Michael Luhmer, der vier Tage zuvor beim Rosenmontagsumzug in Niederbachem bei Bonn entführt worden war, lächelte, zwar fiebrig-blaß aber am Arm seiner per Luftwaffen-Sondermaschine nach München eingeflogenen Mutter, in die Blitzlichter. Der zweite Fall von Kidnapping in der Bundesrepublik innerhalb von zwei Monaten hatte sein vorläufiges Ende mit der glücklichen Rückkehr des Opfers zu seinen Eltern.

Nachdem zuvor schon zwei seiner Berufskollegen gescheitert waren, wiewohl der eine mit dem Lösegeld von 200 000 Mark eine geschlagene kalte Nachtstunde vergeblich am Übergabeort gewartet und der andere sich heldenmütig, jedoch vergeblich samt Sekretärin als „Geisel“ zur Verfügung gestellt hatte, konnte sich nun als Star des Unternehmens der Münchner Rechtsanwalt Till Burger feiern lassen. Zum dramaturgischen Auftakt seiner Selbstwerbung führte er ein Fernsehteam zu jener Stelle, an der ihm der Junge übergeben worden war und posierte mit erhobenem Zeigefinger vor der Kamera.

Der Fall Michael Luhmer hat nicht nur eine neue Spielart des abscheulichen erpresserischen Kindesraubs offenbart, nämlich daß es anscheinend die neueste Praxis der Entführer ist, nicht reiche Eltern, sondern, wie die Süddeutsche Zeitung meinte, „Stadt, Land oder morgen vielleicht den Bund zu erpressen, also den Steuerzahler, und zwar durch Vermittlung von Anwälten, Zeitungsredaktionen oder sonstwen, die von den Tätern angesteuert und per Telephon als Mittelsmänner zur Kasse gebeten werden.“ Auch ein völlig neues Verhältnis zwischen Rechtsanwalt, Polizei und Kindesentführern ist zutagegetreten.

Der 57 Jahre alte Till Burger, der als Polizeiverächter bekannt ist und zuerst jede Zusammenarbeit mit ihr ablehnte, schüttelte nicht nur auf der Fahrt zum Entführer seine Beobachter ab, sein Kundendienst begann bereits vorher: Er tauschte, um Strafverfolgungsspuren zu verwischen, die von der Polizei bereitgestellten (und registrierten) Geldscheine bei seiner Bank um. Und beim Austausch von Kind und Lösegeld an der Autobahntankstelle Holledau ließ er sich als „Vermittlungsgebühr“ 25 000 Mark zurückgeben – für den Gefangenenfürsorgeverein „Zuflucht“. Gründer und Vereinsvorsitzender: Till Burger.

Zum Wochenanfang baute dann der Held der Stunde die große Underground-Story auf. Während 15 000 Kriminalbeamte und Polizisten in der Bundesrepublik nach den Kidnappern fahndeten, unterhielt sich Anwalt Burger telephonisch mit einem Kindsentführer. Die Nummer gab er der Polizei nicht bekannt, doch um so gesprächiger zeigt er sich Zeitungsleuten gegenüber.