Von Rolf Zundel

Bonn/München, im März

Beides geschah in einer Partei. In Bonn diskutierte die SPD-Führung sachlich und mit freundlichen Umgangsformen die Abgrenzung der Partei nach links. Der Parteirat faßte gut vorbereitete Beschlüsse mit überwältigender Mehrheit – Beschlüsse, die ein Kabinettsmitglied der Partei mit der ironischen Bemerkung charakterisierte: "Die Sozialdemokraten haben sich dafür entschieden, daß sie Sozialdemokraten sind." In München diskutierten einen Tag später die Sozialdemokraten der bayerischen Metropole über das gleiche Thema, und sie behandelten einander, als ob sie verschiedenen, ja feindlichen Parteien angehörten.

Im Münchner Hofbräuhaus wurden die Sozialdemokraten von Emotionen fortgerissen, politische Gegnerschaft steigerte sich zur bitteren Feindschaft, zum bösen Zorn. Jene Debatte, die Herbert Wehner im Parteirat empfahl, um der jungen Generation die Möglichkeit zu bieten, ihren Platz in der praktischen Politik der Partei zu finden, jene Diskussion, die Willy Brandt anriet, um möglichst viele junge Menschen in die Partei zu integrieren – sie führte in München zur harten Konfrontation, riß die Partei mitten durch.

Den Münchner Oberbürgermeister Vogel von früher, den locker und aus souveräner Distanz treffsicher, aber nie verletzend formulierenden Debattenredner, gab es nicht mehr. Unbewegten Gesichts verfolgte er die Debatte darüber, ob seine Wortmeldung vorgezogen werden sollte.

Als die Reihe an ihn kam, packte er sein Manuskript, stand auf, holte Luft, sagte leise "sodann", suchte, ohne nach links oder rechts zu blicken, durch das Gedränge seinen Weg zum Podium, wurde von Beifall und Buhrufen überschüttet und setzte zu einer der eindrucksvollsten Reden an, die je auf einem SPD-Parteitag gehalten worden ist, ein Mann in der Martin-Luther-Rolle: Hier stehe ich, ich kann nicht anders ...

Ein Schaupsieler? Bei jedem großen Auftritt muß ein Politiker seine Partei verkörpern. Vogel hat sich so weit mit dieser Rolle identifiziert, er hat sich so engagiert, so ausgegeben, daß diese Frage müßig scheint. Er hat der Münchner SPD den Kampf aufgezwungen, und er schont sich und seine Gegner nicht. Auf die Erörterung und Abwägung von Programmen und Erklärungen der Linken läßt er sich gar nicht erst ein. "Es kommt nicht auf Lippenbekenntnisse und Papiere an", Politik äußere sich "in Abstimmungen und Wahlen, beispielsweise weit nach Mitternacht um ein Uhr, zwei Uhr, in konspirativen Anträgen, in gezielten Abwählen von Delegierten und Kandidaten, in gezielten persönlichen Angriffen gegen die Exponenten einer bestimmten politischen Auffassung".