Die Aktion, die das Karlsruher Atelier Bast/Maertin am vergangenen Donnerstag auf Einladung des Göttinger Kulturamtes während des ganzen Tages von 8 bis 22 Uhr im Städtischen Hallenbad inszenierte, war vorher nicht publik gemacht worden. So sahen sich die beiden Bundeswehrkompanien, die von 8 bis 9 ihren Schwimmsport absolvierten, unvermutet einer Kunst konfrontiert, die sich selbst „Provokativer Realismus“ nennt. Faktisch fanden die Soldaten im neuen Hallenbad künstliche Gegenstände vor, die über den Beckenrand verteilt wären oder im Wasser schwammen: abgeschnittene Hände und Köpfe, Torsi von Körpern, lange Kunststoffschlangen und auch ein paar Phalli; draußen in der Halle standen Metallkäfige, in denen man sich selber fangen, aus denen man sich aber nicht selber befreien konnte.

Wie alle nachfolgenden Besucher des Hallenbades, vornehmlich Kinder, die sich der Gegenstände begeistert spielend bedienten, hatten auch die Soldaten Gefallen an der gebotenen Schau: auch sie spielten mit den Objekten. Es war alles so harmlos. Bis, Stunden später, ein Major auf den Kulturreferenten der Stadt einzuwirken sich anschickte mit der Begründung, ein großer Teil der Soldaten fühle sich in seinem Schamgefühl verletzt, man möge die Penisse tunlichst entfernen, vor allem sei es unverantwortlich, Kinder mit solchen Gegenständen spielen zu lassen.

Nachmittags trat der unwillige Major zusammen mit einem jungen Leutnant auf und debattierte inoffiziell mit Künstlern und Veranstaltern: eine müßige Diskussion, in der Worte wie Pornographie, natürliches Schamgefühl, Eingriff in Persönlichkeitsrechte, natürlich auch Taktgefühl fielen; nun will der Major, der sich durchaus nicht unangenehm zackig aufführte, seinem Protest eine Form geben: Die Miete für die so provozierte Schwimmstunde soll von der Bundeswehr nicht bezahlt werden.

Diese und andere negative Reaktionen auf die spontane Konfrontation blieben vereinzelt. Das ließ sich in Gesprächen mit Badegästen feststellen und aus vielen schriftlichen Äußerungen, die die Badegäste auf Bitte der Veranstalter abgaben: meist waren die Bewertungen knapp und reichten von „alles doof“ bis „große Klasse“, aber es gab auch differenziertere Anmerkungen vor allem von Studenten und Erwachsenen, die die Absicht der Akteure Bast und Maertin erkannten und unterstützten. Ein provozierender Fragebogen, den die beiden ausgegeben hatten („Sie werden nicht manipuliert, Sie nicht?“), blieb allerdings neben den meisten Fragen leer. Die Frage: „Hatten Sie Spaß?“ wurde immerhin in 95 Prozent der Meinungen bejaht. „Im Badegenuß gestört“ fühlte sich auch kaum einer.

Bast/Maertin haben mit Aktionen dieser Art zwar noch nicht sonderlich viele, aber doch intensive Erfahrungen sammeln können: in Bochum, Bottrop, Köln und Bonn, wo sie unter der Devise „schöne amputierte Welt“ antraten und ihre Kunstgegenstände aus Polyester und Schaumstoff nicht zur Betrachtung, sondern zur aktiven Behandlung den Besuchern ihrer Ausstellungsaktionen zur Verfügung stellten, waren die Reaktionen durchweg positiv. Man fühlte sich animiert, aus der Konsumhaltung herauszugehen und über die spielerische Aktivität zu Fragen nach der Funktion solcher Aktionen und schließlich der Kunst prinzipiell zu gelangen – was schon sehr viel ist bei Leuten, die auf die Frage „Brauchen Sie Kunst?“ schlicht mit „Nein“ antworteten, wie in Göttingen geschehen, die sich aber gleichzeitig im positiven Sinne animiert fühlten von dem, was im Göttinger Hallenbad stattgefunden hat.

Eine Aktion, die ihren Sinn eben durch die Wirkung ihrer Spontaneität und nicht zum geringen Teil durch ihren Ort erhielt: Hallenbad statt Museum. Oder hätte im Museum eine Mutter so reagiert wie jene im Göttinger Bad, die sich von ihrem Kind alle im Wasser schwimmenden Gegenstände erklären ließ und, als das Kind nicht wußte, was ein Phallus war, es ihr mit dem Hinweis auf den Papa verdeutlichte, schließlich, als es immer noch nicht begriffen hatte, meinte, das müsse „heute abend dringend nachgeholt werden“? Heinz Ludwig Arnold