In der belgischen Hauptstadt Brüssel ging in der vergangenen Woche die erste „Weltkonferenz für die Juden in der Sowjetunion“ zu Ende. 50 Delegierte jüdischer Organisationen aus 38 Ländern hatten sich drei Tage im Kongreßpalast versammelt, um die Weltöffentlichkeit auf die Lage der dreieinhalb Millionen sowjetischer Juden aufmerksam zu machen: auf die Unterdrückung ihrer religiösen und kulturellen Freiheit und die Schwierigkeiten, die einer ungehinderten Auswanderung in den Weg gelegt werden.

Ein Moses-Wort war Motto der Veranstaltung. Die israelische Ministerpräsidentin Golda Meir griff es in ihrer Grußbotschaft an den Kongreß auf: „Laßt uns alle Menschen guten Willens, Juden und Nichtjuden, in der ganzen Welt aufrufen, unsere Apelle an die sowjetische Regierung zu unterstützen: ‚Laß mein Volk gehen‘.“ Prominentester Teilnehnehmer war David Ben Gurion, der ehemalige israelische Ministerpräsident.

Die Hauptrede bei der Eröffnungsveranstaltung hielt Arthur Goldberg, der ehemalige US-Botschafter bei den Vereinten Nationen. Er betonte, daß der Protest der Versammlung keineswegs als antisowjetische Demonstration verstanden werden dürfe. Goldberg nannte die Sowjetunion eine „große und stolze Macht“, an die man im Namen der Menschlichkeit appelliere, den jüdischen Bürgern ihre Rechte zu garantieren.

Zu den Rednern zählte auch der 44jährige ehemalige Major der Roten Armee und „Held der Sowjetunion“, Grisha Feigin aus Riga. Feigin hatte aus Protest gegen die Diskriminierung der jüdischen Minderheit seine militärischen Auszeichnungen zurückgegeben und war daraufhin in eine Anstalt für Geisteskranke eingewiesen worden. Später erhielt er die Ausreiseerlaubnis. Feigin erklärte, die russischen Jjden seien loyale Bürger. Als einziges Vclk in der Sowjetunion seien sie jedoch ihrer Rechte als nationale Minderheit beraubt. Jeder jüdische Aspekt werde sofort mit dem Zionismus in Verbindung gebracht.

Auf der Konferenz wurden deutliche Unterschiede zwischen militanten und gemäßigten Strömungen in den jüdischen Organisationen deutlich, etwa bei den Tumulten um die Festnahme und anschließende Ausweisung des Führers der kleinen, militanten New Yorker „Liga für jüdische Verteidigung“, Rabbi Meir Kahane.

Kahane hatte sich vergeblich bemüht, – sein „Zehn-Punkte-Notstandsprogramm für die Sowjetjuden“ der Weltkonferenz zu unterbreiten. Hauptpunkt des Programms ist die Forderung nach „einer sofortigen Beendigung aller Gespräche des Westens mit der Sowjetunion, einschließlich der Gespräche über Abrüstung, Handel, Weltraum- und kulturelle Fragen“. Die Mehrheit der Kongreßteilnehmer lehnte von vornherein Kahanes „Politik der harten Aktionen“ ab.

Einer der Hauptsprecher in Brüssel sagte, die politische Erfahrung zeige, daß Moskau auf die Dauer gegenüber moralischem Druck nicht unempfindlich sei. Die Schlußerklärung, der „Brüsseler Appell“, fordert alle jüdischen Organisationen auf, sich an ihre Regierungen mit der Bitte zu wenden, sich für die sowjetischen Juden einzusetzen.