Bonn

Die „Stimme des Reiches“ war zu schwach. Was Zehntausenden über Ultrakurzwelle, 102 Megaherz, nationale Erbauung bieten sollte, konnte wegen mangelnder Sendequalität nicht einmal auf Tonband mitgeschnitten werden. So beschränkten sich die Postpeiler aufs Mitschreiben: „Hier spricht der Sender Deutsches Reich, betrieben von der Notverwaltung des deutschen Ostens.“

Am Abend des 1. März hatte der „Reichs-Sender“ Premiere. Erst am Tag zuvor war sein Betrieb auf der Jahreshauptversammlung der selbsternannten „Notverwaltung des deutschen Ostens“ beschlossen worden, einer Seitengruppe der rechtsextremen „Aktion Widerstand“. Allerdings: „Dieser Beschluß erfolgte im Gegensatz zu den Bestimmungen des Reichspostgesetzes“, wie Sendeleiter Dr. Hoffmann-Günther seinen Hörern kundtat.

Der Beschluß stand auch im Gegensatz zum bundesdeutschen Gesetz über die Anlage von Fernmeldeeinrichtungen, was Dr. Hoffmann-Günther seinen Hörern indes vorenthielt. Einige wußten es ohnehin: Schon am Nachmittag hatten drei Peilwagen der Post in Schleswig-Holstein Stellung bezogen. Und um 22 Uhr hatte am Bungsberg der erste Wagen Kontakt: Sendeleiter Dr. Hoffmann-Günther übertrug die Tonbandaufzeichnung aus der Jahreshauptversammlung in der Bad Godesberger Stadthalle mit seinen eigenen Reden, dazwischen eingestreut die Ansage: „Hier spricht der Sender Deutsches Reich“, begleitet von den ersten vier Tönen des Deutschlandliedes.

Die Postpeiler am Bungsberg hatten keinen guten Empfang. Doch es genügte, den nationalen Piratensender einzukreisen. Sein Standort nach Meinung der Postler: Raum Eutin. Hier allerdings irrten die Funkmesser: Das „Deutsche Reich“ logiert in einem Kleintransporter, der über die Küstenstraßen an der Ostsee rollt.

Am Mikrophon Dr. Hoffmann-Günther aus dem schlesischen Liegnitz („...in der Bundesrepublik bin ich nur im Exil“), der sich bereits wegen eines halben Grundstücks in Schlesien als Kläger gegen die Bundesregierung hervorgetan hatte. Am Abend des 2. März sendete der Exilfunker in Schleswig-Holstein weiter. Und wenn es nach ihm und seinen Gesinnungsfreunden geht, soll bald auch in Süddeutschland das „Deutsche Reich“ seine Stimme erheben. „Unfrisierte Nachrichten“ – so Hoffmann-Helfer Friedrich-Wilhelm Teschemacher aus dem holsteinischen Plön – und Kommentare zur Ostlage sollen das Programm der beiden Sender füllen. Dazu Weisen und Klänge aus Südmähren und Masuren.

Zum Schluß seiner Sendungen bat Hoffmann-Günther: „Bitte, melden Sie sich telephonisch, wenn Sie mich gehört haben.“ Einige seiner Hörer wünschen nichts sehnlicher als sich bei ihm zu melden, allerdings nicht telephonisch: Verfassungsschutz, Post und Polizei. Ein Sprecher des Innenministeriums: „Wenn wir den Sender finden, wird er hopp genommen.“

Wolf Kerdelwitz / Helmut Lölhöffel