Neue Lebensformen bedrohen den Status der Etablierten

Von Richard Schmid

Wie in den letzten Jahrzehnten mehrmals, kam wiederum durch einen Vorabdruck in „The New Yorker“ (September 1970) eine nicht nur für Amerika hochbedeutsame Schrift heraus, welche die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten stark bewegt und polarisiert hat. Sie liegt jetzt als Buch vor und steht an der Spitze der Bestsellerliste:

Charles A. Reich: „The greening of America“; Random House, New York 1970; 399 S., 7.95 Dollar.

Wenn man erfährt, daß der Verfasser ein 42 Jahre alter Professor der Law School der Yale University ist, so staunt man als deutscher Leser über die lockere, unakademische, aufs Konkrete und Anschauliche gestellte Diktion. Nur gelegentlich, ist der Berufsjurist herauszuhören. Der Gegenstand ist vorwiegend soziologisch, aber der Autor hat den auch in Amerika verbreiteten abstrakten Imponierstil der jungen Soziologen vermieden.

Zuerst wird der heutige soziale Zustand der Vereinigten Staaten gekennzeichnet: Unordnung; Gesetzlosigkeit und Heuchelei (beides zeigt sich unter anderem im Vietnamkrieg); Armut; verzerrte Prioritäten; Übergewicht privater Mächte; unkontrollierte, fetischartig verehrte Technik; Zerstörung der Umwelt; Verfall der Demokratie und der individuellen Freiheiten; Künstlichkeit der Arbeit und Kultur; Verlust des Selbst. Die marxistische Erklärung aus der Klassensituation der Bourgeoisie sei nicht ausreichend: „Wir ersticken nicht im Griff der kapitalistischen Ausbeutung, sondern seelenloser, unpersönlicher Kräfte, die ihrer eigenen unmenschlichen Logik folgen.“

Bewußtsein I