Von Josef Müller-Marein

Obwohl er nicht einmal lange Haare hat und obwohl er aussieht und sich beträgt, wie bürgerliche Eltern es von ihrem Sohn nur wünschen können, kam Gilles Guiot in Konflikt mit der Polizei. Möglicherweise war er nervös und nicht höflich genug im Umgang mit den Polizisten. Aber es ist so gut wie sicher, daß in den Reihen der polizeilichen Einsatztruppen von Paris eine Nervosität herrscht, die nicht übertroffen werden kann. Zeitweilig herrscht eine an Klassen- oder Rassenkampf erinnernde Gier zur Jagd auf die Jungen. Der Nervosität aber und der Tatsache, daß französische Richter einen „auf frischer Tat“ ertappten Angeklagten sofort verurteilen können ohne daß Entlastungszeugen und ein Verteidiger zu Worte kommen müssen, ist es zuzuschreiben, daß der Name des neunzehnjährigen Schülers Gilles Guiot womöglich in die Geschichte eingehen wird. Die Richter verurteilten ihn zu sechs Monaten Gefängnis, von denen drei zur Bewährung ausgesetzt werden sollten. Dafür hatte der Junge die Strafe aber auch sofort anzutreten. Worin hatte er gefehlt?

Er war am 9. Februar aus dem Pariser Gymnasium Chaptal gekommen und auf dem nahen Clichy-Platz in eine Kundgebung der „Roten Hilfe“ geraten, einer neuen Organisation der äußersten Linken mit stark maoistischen Akzenten. Während Guiots Eltern, Lehrer, Freunde erklärten, er habe sich nie mit Politik abgegeben, behauptete ein Polizist, der Junge habe ihm – Politik hin, Politik her – einen ganz tüchtigen Boxhieb versetzt und sei auch hinterher, nämlich im Polizeiwagen, noch äußerst aufsässig gewesen.

Offenbar hatten weder die Polizisten noch der Richter damit gerechnet, daß sie in ein Wespennest stachen. Es ist jedoch auch möglich, daß sie nun gerade am armen Gilles Guiot, den sie für schuldig hielten, ein Exempel statuieren wollten. Ein für allemal! Hinter dem einfachen Vorfall von der Place Clichy tauchen nämlich bei näherem Hinsehen allerlei komplizierte Perspektiven auf, die auf die Öffentlichkeit sehr beunruhigend wirken. Und eben in diesem Zusammenhang gewinnt die Figur des sympathischen Gilles Guiot, der übrigens als eine spezielle Begabung für Mathematik einer Unterrichtsklasse zur Vorbereitung für eine der Grandes Ecoles angehört, eine geradezu symbolische Bedeutung. (Die „Hohen Schulen“ wirken parallel zur Universität und sind die klassischen Ausbildungsstätten einer intellektuellen Elite.)

Hatten die Polizisten den Teig angerührt, die Richter ihn in die Backform gegossen, so ging der Kuchen prächtig auf. Das war am unvergeßlichen 19. Februar, dem Tage, da die Berufungsinstanz über den hinter Kerkermauern schmachtenden Gilles richten sollte.

Man hatte den Eindruck, nicht nur Pennäler und Studenten und nicht nur besorgte Eltern hielten den Atem an, sondern auch alle politisch interessierten Leute von Ultrarechts bis Ultralinks. Wer garantierte denn auch, daß der Kuchen nicht mit Pulver gezuckert wäre und daß er nicht explodieren würde? Jedenfalls: Solange die Berufungsrichter tagten, waren junge Leute zu Tausenden und aber Tausenden am „Boul’ Mich’“ und überall im Quartier Latin versammelt. Sie veranstalteten ein gigantisches sit-in: Schüler, Schülerinnen, aber auch ihre Lehrer und Eltern, Studentinnen und Studenten, aber auch Lehrlinge, „politisierte“, aber auch „unpolitische“ Jugend.

Bei ihrem Anblick hatte jedermann Gelegenheit, sich darüber klarzuwerden, daß dies „Einerseits“ und „Andererseits“ eigentlich ein grober, fahrlässiger Gedankenunfug ist: Einerseits – „Na, nennen wir die Dinge doch bei ihrem Namen!“ – wissen diese jungen Leute von heute nichts, können nichts, interessieren sich für nichts, höchstens für Sex, Gammelei, für dreckige oder übertrieben bunte Kleidung, aber wo sind ihre Ideale, wo? Andererseits: Wo liegt die Hoffnung, daß die Zukunft zu guter Letzt doch immer schöner, immer besser werde? Wer wird gutmachen, was die von Vorurteilen aller Art beladenen älteren Generationen verdorben haben? Doch offensichtlich unsere unvoreingenommene, wenn auch rebellische Jugend! Die Jungen taugen nichts; die Jugend – nichts Besseres auf dieser Welt!