Von Joachim Schwelien

Fort Benning im März

Auf den Fluren des kleinen Militärgerichtsgebäudes in Fort Benning kann man ungehindert mit ihm reden: über Woher und Wohin, über Wetter und Leute. Nach den schriftlichen Regeln, die jeder Korrespondent im Pressezentrum der amerikanischen Infanterieschule ausgehändigt bekommt, sind jedoch alle Fragen nach dem Prozeß und dem Gegenstand, der im Gerichtssaal seit dem 10. November 1970 behandelt wird, streng untersagt.

Oberleutnant William Calley weicht den Journalisten nicht aus. Im Gegenteil: Der kleine Offizier mit der widerspenstigen Tolle und dem linkischen Gang, sucht die Bestätigung durch seine Umgebung. Davon haben viele Zeugen dem Gericht berichtet. Durch das Verfahren fühlt er sich isoliert – ein Opfer, vielleicht sogar ein Märtyrer für das patriotische Amerika. Wie soll er, der in Fort Benning ausgebildet wurde, dann in die Mühle der Kampfgepflogenheiten in Vietnam geriet und im übrigen nur stramm die Befehle seines Kompanieführers befolgte, des Hauptmanns Ernest Medina – wie soll er überhaupt dafür verantwortlich sein, was sich in den Morgenstunden des 16. März 1968 im Weiler My Lai IV zutrug?

Diese stumme Frage trägt William Calley wie einen unsichtbaren Schutzschild vor sich her. Gnomenhaft kauert Richter Oberst Reid Kennedy in seinem hohen Stuhl. Von den sechs Geschworenen – alle Offiziere höheren Ranges – waren fünf Vietnam-Kriegsteilnehmer wie Calley. Vor ihnen ist der Angeklagte weniger unbefangen. Ein trotziges Aufbegehren schwingt manchmal in seiner Stimme. Er stockt und zögert bisweilen, als suche er nach dem Leitfaden, den ihm sein gewandter Verteidiger George Latimer für die Verhandlung aufgespult hat, wie das jeder Anwalt in jedem amerikanischen Strafprozeß mit seinem Mandanten tut. Nach den Aussagen von 33 Belastungszeugen, nach dem Befund eines Kollegiums von drei Militärpsychiatern, er sei jederzeit voll zurechnungsfähig gewesen und auch für die Stunden des Gemetzels von My Lai als voll verantwortlich zu betrachten, ist Calley nicht mehr übermäßig selbstsicher.

Das Kreuzverhör beschwört noch einmal die grausigen Vorgänge an dem fernen Märztag herauf: die Befehle, mit den südvietnamesischen Frauen, Kindern und alten Männern Schluß zu machen, sie zu erledigen, sie aus dem Weg zu räumen; dann die Schüsse auf die wimmelnden, wimmernden Vietnamesen in der Grube am Dorfrand. Die ganze Tragik von My Lai blitzt aber nicht in diesen Ereignisschilderungen durch; sie wirken abgestanden, so oft ist das alles schon durchgekaut worden. Sie bricht aber auf, als Latimer einen der drei Heerespsychiater, den farbigen Major Henry Edwards, zu dem Eingeständnis zu verleiten trachtet, ein so völlig normaler und zurechnungsfähiger Mensch wie Calley hätte sich wohl doch „ziemlich bizarr“ verhalten, wenn er das getan habe, was die Anklage ihm vorwerfe. Der Psychiater zögert, sieht Latimer dann voll ins Gesicht und antwortete ihm mit einer halben Gegenfrage: „Finden Sie nicht, daß das ganze Geschehen in My Lai ziemlich absonderlich war?“

Es war mehr als absonderlich. Im Soldatenjargon sprudelt aus Calley heraus, wie er in My Lai verfuhr und was für Aufträge er ausführte. Lang und breit wird da abermals der body count – das Zählen der Leichen gefallener Gegner – geschildert, bei dem offenbar jede Einheit in Vietnam wetteifernd mit hohen Ziffern aufwarten wollte und alles gezählt wurde, was sich nicht mehr regte: „Menschen, Büffel, Kühe und Schweine.“ Da gab es auch um der lieben Gerechtigkeit willen ein ziemlich summarisches Verfahren, den Einheitsführern wie Calley eine bestimmte Zahl zuzuschlagen, manchmal mehr, als sie beanspruchten. Ankläger Daniel befragte Calley, wie das in My Lai vor sich ging: