Eine Karikatur, so erklärt der Brockhaus, „Ist eine Darstellung, die durch Übertreibung hervorstechender Merkmale komische Wirkungen erzielt und Menschen und ihre Handlungen lächerlich macht“. Wenn das stimmt, ist Tomi Ungerer jedenfalls kein Karikaturist. Durch Übertreibung „hervorstechender Merkmale“ wie die aggressiv gespitzte Brust der von zwei eher abgeneigten Ehemännern flankierten Dame finden sich zwar auf jeder seiner Zeichnungen; aber komische Wirkung und Lächerlichkeit

Der zweite Blick schon läßt das Lächeln gefrieren. Und blättert man weiter, beschleicht einen statt des hämischen, blöden Vergnügens ein gelindes Grausen. Was sich hier darbietet, ist ein Panoptikum grinsender, zähnefletschender, ekelhafter Wesen einer unbekannten Spezies, deren böse „hervorstechendes“ Merkmal ihre Ähnlichkeit mit Menschen zu sein scheint.

Dabei ist diese Mappe, es handelt sich um das „Diogenes Portfolio 1 – Tomi Ungerer“, eine Originalauswahl von teilweise farbigen Blättern im Format 60 mal 46 Zentimeter aus dem Themenumkreis des Bandes „The Party“ (Diogenes Verlag, Zürich, einmalige Auflage von 550, bis zur Nummer 50 vom Künstler signierten Exemplaren; signiert 300,– DM, unsigniert 98,– DM; in gleicher Aufmachung liegt auch „Diogenes Portfolio 2 – Paul Flora“ vor) – dabei sind diese zwölf Blätter noch eine relativ harmlose Auswahl aus dem Werk des gebürtigen Straßburgers, der 1957 sechsundzwanzigjährig als Cartoonist und Werbegraphiker in New York seinen vielfach mit Preisen gewürdigten Ruhm begründete. Dieser liebe, vielgeliebte Kinderbuchzeichner hat schließlich viel Böseres als diese Mappe, als Bände wie „The Party“ oder „Kompromisse“ hervorgebracht: nämlich das „Fornicon“. Neben jenem „KZ der Lüste“ (zur Zeit arbeitet Ungerer an einer Fortsetzung, die das „Fornicon“ noch überbieten soll), diesem „Einblick in die Hölle“, wie Walther Killy den Band qualifizierte, nehmen sich die vorliegenden Zeichnungen eher wie eine zartfühlende Einweisung ins Purgatorium aus. Katharina Zimmer