Von Hans-Albert Walter

Es sei wahrscheinlich, daß er einige seiner Leser mit diesem Buch überraschen werde. „Es ist kein politisches Buch, das in der Reihe jener Arbeiten steht, die ich nach dem Kriege über die USA und China veröffentlicht habe. Ich bemühe mich hier nicht, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Ich trete hier nur als Objekt auf – als ein Ball, mit dem die Politiker spielen ...“

So beginnt die Autobiographie des fast erblindeten siebenundsiebzigjährigen L. L. Matthias. Wohl nur wenig nach ihrer Vollendung ist er freiwillig aus dem Leben geschieden, von dem er nach dem Tode seiner Frau nichts mehr erwarten zu dürfen glaubte. Klappentexte lügen meist – dieser hier bestätigt als Ausnahme die Regel: Obwohl ein vorwiegend privates Buch mit erschütternden Erlebnissen, ist

Leon Lawrence Matthias: „Es hing an einem Faden“ – Meine Jahre in Lateinamerika und Europa; Rowohlt Verlag, Reinbek; 384 S., 24,– DM

tatsächchlich ohne Pathos oder Selbstmitleid geschrieben, auch ohne die peinliche Vertraulichkeit, mit der Verfasser „intimer Beichten“ ihren Lesern meist zublinzeln. Matthias trägt seine Lebensgeschichte so kühl, nüchtern und distanziert vor, als handle es sich um das gewissenhafte Protokoll eines Unbeteiligten. In einem knappen Prolog schildert er sein Leben vor 1933 – Jugend, Kindheit, zwanziger Jahre, alles auf wenigen Seiten, Weltkrieg, Revolution, Inflation, Reisen, immer nur ein paar Sätze, Reibungen von Stichworten. Gleich lakonisch. referiert der Epilog die Zeit nach 1939, sieben Seiten für dreißig Jahre in Venezuela, USA und Europa, nicht mehr. Auf fast 360 Seiten wird dagegen die erste Phase des Exils beschrieben, das mit der Flucht im März 1933 begann.

Matthias’ Weg ist durchaus untypisch. Anders als die meisten Intellektuellen hat er sich nicht in den Nachbarstaaten Deutschlands niederzulassen versucht. Nachdem er sich in Amsterdam auf ungewöhnliche Weise Reisegeld und ein kleines Kapital verdient hatte, ging er noch 1933 nach Übersee, jedoch nicht, was nahegelegen hätte, in die USA, sondern nach Lateinamerika. An mexikanischen, kolumbianischen und guatemaltekischen Universitäten lehrte er zu einer Zeit Soziologie, als das Fach auch nicht entfernt die heutige Bedeutung und Geltung hatte. Mit anderen Exilierten scheint er kaum in Berührung gekommen zu sein; zumindest hält er derartige Begegnungen nicht für mitteilenswert. Daß er Toller gut gekannt hat, geht lediglich aus einem Nebensatz hervor, über eine Begegnung mit Musil berichtet er in fünfzehn Zeilen, die es allerdings in sich haben. Je eine Seite für Diego Rivera und Schuschnigg, und damit ist die Liste der Berühmtheiten erschöpft, wenn man nicht Coudenhove-Kalergi dazurechnen will.

Erzählt wird das eigene Erleben, kaum etwas anderes. Die materiellen Schwierigkeiten in Mexiko, wo das Professorengehalt nicht zum Leben reichte; die Suche nach anderen Verdienstmöglichkeiten, die Matthias nach Europa zurückführte und doch erfolglos blieb; der erneute Aufbruch nach Lateinamerika, der Antritt einer Professur im kolumbianischen Popayän, später eine neue Anstellung in Guatemala. Matthias’ schwerkranke Frau, infolge unglücklicher Umstände in Deutschland vorübergehend verhaftet, starb einen langsamen, qualvollen Tod. Vergeblich unternahm Matthias mit ihr eine lebensgefährliche Autofahrt über die Anden nach Ecuador, wo der einzige Facharzt der „Umgebung“ residierte. Während seiner Abwesenheit brachte ihn in Popayán eine Intrige um seinen Lehrstuhl, und er stand fast völlig ohne Mittel da. Erst nach Jahren wurde aufgedeckt, daß die Affäre von einem Agenten der faschistischen Organisation für Auslandsdeutsche gesteuert worden war: Offenbar sollte verhindert werden, daß Exilierte in Kolumbien Einfluß gewannen.