Spaniens Kirche will sich offiziell vom Staat trennen. Fast 18 Jahre nach dem Konkordat vom 27. August 1953 sprach sich jetzt die Mehrheit der spanischen Bischöfe gegen den Entwurf eines neuen Konkordats aus, der sich von dem alten Vertrag kaum unterscheidet. Zwar zeigt die Zufallsmehrheit von 60 gegen zehn Stimmen wohl nicht die wahren Verhältnisse an, aber der Wille, die symbiotische Allianz aufzukündigen, ist dennoch unverkennbar. Immer lauter werden die Stimmen, die überhaupt die Notwendigkeit eines neuen Konkordats bezweifeln – die Kirche müsse sich wieder auf ihre Mündigkeit besinnen.

Freilich: Selbst wenn jetzt die gesamte Kirche – und nicht nur ihr fortschrittlicher Flügel – den konziliaren Weg weitergehen sollte, ist die Zeit für eine radikale Trennung noch nicht reif. Diese Trennung wird zudem durch die Frage kompliziert, was aus dem "Opus Dei" werden soll. Ohne Francos zuerst schweigende, dann offene Förderung hätte diese katholische Laienorganisation nie ihre heutige Machtposition in Regierung, Wirtschaft und Verwaltung erringen können. Das "Opus" ist unbeliebt, angefeindet von dem linken und rechten Flügel der Katholiken, angegriffen von den Nationalisten rechts und den Reformwilligen links. Unter der schützenden Hand von Kirche und Staat war es bis jetzt unangreifbar. Was aber, wenn dies aufhört?

Zur gleichen Zeit wie die Bischofssynode tagte in Madrid der "Nationalrat der Bewegung". Die Sitzung wurde zum Tummelplatz der alten Falangisten, die, durch das "Opus" von der Macht verdrängt, seit dem Prozeß von Burgos Morgenluft wittern. Obwohl Franco sie immer wieder geduckt hat, geben sie die Hoffnung nicht auf, den Caudillo vom "Irrweg" der Technokraten des "Opus Dei" wieder abzubringen. Falangisten, Nationalisten und reaktionäre Katholiken haben auch dafür gesorgt, daß der größte Fehltritt des "Opus", der Matesa-Skandal, nicht in Vergessenheit gerät. In diesen Exportschwindel, der Spanien 525 Millionen Mark kostete, sind zwei prominente Mitglieder verwickelt: Außenminister Lopez Bravo und Unterrichtsminister Vilar Palasi.

Vor dem Nationalrat – der politisch bedeutungslos ist, aber wichtig als Stimmungsbarometer – antwortete nun Planungsminister Lopez Rodo nach heftigen Angriffen auf das "Opus" mit dem verblüffenden Bekenntnis: "Ich gebe mein Ehrenwort: Das ‚Opus Dei‘ ist keine politische Partei." Sollte diese "rein religiöse" Gemeinschaft je versuchen, auf die Politik Einfluß zu nehmen, werde er sie sofort verlassen. Rodos Aussage war der Versuch, eine Brücke zur Kirche zu schlagen, deren Lehre sich die Mehrheit der "Opus"-Mitglieder auch heute noch stärker verpflichtet fühlt als dem Staatschef. Und es war zugleich ein Hinweis, von wo die Technokraten in Zukunft Hilfe erwarten. Franco reagierte schnell: Vier Tage danach beschloß der oberste spanische Gerichtshof, im Falle Matesa nun doch keine Anklage gegen Bravo und Palasi zu erheben.

Horst Bieber