Mit der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands geht es zu Ende. Ein Verbot, wie es dieser Tage wieder der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Heinz Kühn forderte, ist gar nicht mehr nötig. Die NPD stirbt, langsam, aber sicher. Und ihr Führer, Adolf von Thadden, der schon das Ende so mancher rechtsradikalen Partei miterlebt hat, ahnt das. Zu viele Skandale und zu schwere Niederlagen haben seine Hoffnung zunichte gemacht, aus der NPD eine stabile Rechtspartei zu formen. Ihm, der nie einen Beruf erlernt hat, bleibt freilich nur die Wahl, es immer wieder zu versuchen.

Sein Abstieg begann 1969: Nach den Zwischenfällen mit seinen schlagwütigen Ordnern in Frankfurt und mit seinem schießeifrigen Beschützer in Kassel verlor er haushoch die Bundestagswahl. 1970 wurde ihm dann auch bei drei Landtagswahlen die Quittung zuteil: die NPD ist nicht wählbar. In diesem Jahr, bei den Wahlen in Rheinland-Pfalz und in Schleswig-Holstein, wird sich dieser Trend bestätigen. Auch diesmal haben Skandale dazu beigetragen, die Partei weiter zu ruinieren: die Vorfälle bei der von der NPD gesteuerten "Aktion Widerstand", das Verfahren gegen den Berlin-Attentäter Weil, der von den "Widerstands"-Parolen zu seinem Anschlag angestiftet wurde, die Aktion gegen die Sowjetbotschaft, an der sich NPD-Mitglieder beteiligt hatten, und die Aufdeckung eines Waffenlagers in Nordrhein-Westfalen, bei der die Polizei ebenfalls Nationaldemokraten verhaftete. Immer stärker gerät Thaddens Partei in den Verdacht, eine Sammlung von politischen Kriminellen zu sein.

Um zu retten, was noch zu retten ist, rief der Vorstand seine Getreuen innerhalb eines Monats gleich zweimal zu Disziplin und Wachsamkeit auf; er ermahnte sie inständig, zu "größerer Besonnenheit und stärkerer Nervenkraft", zu "Selbstbeherrschung und Selbstsicherheit"; denn: "Revolutionäres Gehabe wirkt lächerlich und abstoßend." Dazu erscheinen Woche für Woche Maßhalteartikel in dem Parteiorgan Deutsche Nachrichten (mit der Unterzeile "1871 – Das ganze Deutschland soll es sein – 1971"). Unter der Überschrift "Die NPD bleibt auf ihrem Kurs!" machte der Parteichef selber auf der Titelseite seines Blattes Front gegen "Hitzköpfe und Außenseiter", wobei er nicht ausschloß, daß bei den "notwendigen Abwehrmaßnahmen zum Schutze einer staatstreuen Mitgliedschaft einmal ein Unschuldiger betroffen" werden könnte.

Adolf von Thadden hat allen Grund, jene Geister zu fürchten, die er einst rief. Gerade unter den jungen Radikalen in seiner Partei und bei den rechtsextremen Hilfstruppen der von ihm betreuten "Aktion Widerstand" wächst der Unmut über die "lahmen Funktionäre" und "alten Herren" an der Parteispitze. Sie haben das Reden satt, sie wollen Klamauk und scheuen selbst vor Gewalt nicht zurück. Und wenn Thaddens Parteisprecher Richard unlängst schrieb: "Zeigt der Jugend eine bessere Welt, macht sie mit ihrem eigenen Volk bekannt, lehrt sie, Deutschland lieb zu gewinnen, und gebt den heimatlos Gewordenen ihr Vaterland zurück. Das ist das Credo unserer Zeit. Ans Werk!", so richtet sich dieser Aufruf an die Partei selber. Sie hat den Extremismus auf ihre Fahnen geschrieben und geht nun an ihm zugrunde.

Führen kann Adolf von Thadden seinen verlorenen Haufen schon nicht mehr, er kann nur noch wehklagen oder Phantomen nachjagen. "Die Aufgabe der NPD ist es", so beschwor er kürzlich noch einmal seine Kampfgefährten, "alles in ihren Kräften Liegende zu tun, um dazu beizutragen, die heutige Bundestagsmehrheit spätestens 1973 durch eine Mehrheit zu ersetzen, die die heutige Politik des Ausverkaufs mit allen zu Gebote stehenden Mitteln aufzuhalten beziehungsweise rückgängig zu machen bemüht ist."

Wenn nicht alles täuscht, wird es 1973 keine NPD mehr geben. Der Ausverkauf bei Thadden hat schon längst begonnen.

Dietrich Strothmann