Hans-Jochen Vogel ist seit dem letzten Wochenende nicht mehr nur Oberbürgermeister von München. Sein Sieg in der Kampfabstimmung über die Linksaußen seiner Partei hat ihn über Nacht zu einer imposanten Figur der Bundesrepublik aufsteigen lassen.

Willy Brandt täuschte sich, als er Vogels Ritt über den Bodensee zunächst nur den Rang eines lokalen Ereignisses zuerkennen wollte: „In Bayern gehen die Uhren anders.“ Noch nie zuvor hat in der SPD und erst recht nicht anderswo ein Mann aus der Provinz über Nacht einen bundesweiten parteidogmatischen Prinzipienstreit von dieser Größenordnung so dramatisch auf die Spitze treiben und so rasch zu seinen Gunsten entscheiden können. Welcher Mann außerhalb Bonns hätte die Courage besessen und zugleich so viel Reputation ins Feld führen können?

Überzeugungskraft und Augenmaß allein hätten freilich nicht ausgereicht. Wie alle bedeutenden Führungsgestalten hat auch Vogel seinen durchschlagenden Erfolg durch ein Quasi-Plebiszit herbeizuführen gesucht und erreicht. Ohne den direkten Appell an die Öffentlichkeit zur rechten Zeit hätte er sein Ziel wohl verfehlt: die Partei zur Räson zu rufen und ihre Abgrenzung nach, links wieder bewußter zu machen. Ein Mann seines Kalibers durfte das Wagnis eingehen. Da es gelang, kam es auch dem eigenen Ansehen zugute – mag er dies im Auge gehabt haben oder nicht.

Vogel ist heute der erste Sozialdemokrat aus der Generation der Vierziger, der weit über die eigene Partei hinaus von einer Welle der Sympathie und des Respekts getragen wird. Sein weiterer Aufstieg scheint ihm sicher zu sein: Der Oberbürgermeister von München gehört von nun an zur Führungsreserve der SPD. Be.