Von Ivan Nagel

I.

Wovon handelt „Carmen“? Der Stoff ist zu reich, weil zu wirklich; keine einzelne Antwort konnte ihn bisher umgreifen. Mérimées „Carmen“-Erzählung, der Ursprung aller Versionen, handelt jedenfalls von Natur: von der Rache dieser Unüberwindlichen an allen, die sie zu beherrschen wähnen. Sie vernichtet die Männer, die „das Weib“ kraft Sittlichkeit in ihre Ordnung zwingen, kraft Eifersucht in ihren Besitz bringen wollen. Sie triumphiert noch im Untergang der einen, die sich anmaßte, die Größe der Natur gegen die Kleinheit der Gesellschaft zu verkörpern und durchzusetzen. Denn im Tod, den Carmen kennt und will, beugt sie sich mit wildverbissener Ergebung der Einheit von Fatum und Naturgesetz.

Bizets „Carmen“-Oper aber versteht diesen Tod im sinnlichen Medium der Musik. Das Thema der sich letal rächenden Natur bedeutet für ihn: daß Sinnlichkeit in einer Welt, die sie unterdrückt, zum Schicksal wird. Was keiner Musik sonst gelang, Leidenschaft erscheint hier ohne Schwall und Identifikation, in barer Objektivität. Carmens Wissen von der Endlichkeit (ihrer Leidenschaft wie ihres Lebens) weist die sehnsuchtsvoll-subjektive Unendlichkeit von Josés Liebesanspruch ab – wie in dem Carmen-Part die Unerbittlichkeit der punktierten Rhythmen, die Geschlossenheit der liedhaften Formen sich aller unendlichen Melodie der Spätromantik widersetzen. Daß Carmen den nicht liebt, der sie liebt, steht so nicht bei Mérimée – dieses Motto der Habanera und damit der Heldin wurde erst für Bizet erfunden.

Crankos „Carmen“-Ballett geht von diesem Motto aus und wendet es in kritischer Psychologie einer Unterdrückten gegen die Heldin. Warum liebt Carmen nur den, der sie nicht liebt (nur solang er sie nicht liebt)? Ihr grausam automatischer Liebesentzug, „Untreue“, mag schließlich ihre Rache an der Gesellschaft sein, von der sie (als Zigeunerin, als Weib) verachtet wird. Aber zuvor noch muß ihr jähes, anfängliches Lieben nichts anderem als jener Verachtung selbst gegolten haben: dem Mann, der aus Bravheit oder Hochmut nichts von ihr wissen wollte. Pointiert gesagt: an José reizt Carmen die Uniform. Sie begehrt den Körper, weil er im Kleid einer sie verfolgenden Ordnung steckt. Der Schlüssel des Cranko-Balletts ist der Augenblick, da José den Soldatenwams und alle Starre von sich wirft, selig lachend sich anstecken läßt von Carmens Tanz. Eben wenn seine Liebe beginnt, wird das Ende seiner Liebe besiegelt; denn mit dem Anzug hat er die Anziehung verloren.

II.

Mit fast fetischistischer Konsequenz vertraut Cranko die Handlung der Kleidung an. Egon Madsen bietet mit verblüffend gewachsener tänzerischer und schauspielerischer Kraft das Verwildern des José als Deserteur, als Schmuggler. Wie seine wechselnden Kostüme verkommen, so verkommen seine Tanzschritte: vom gehemmten Marschieren und Staksen des Soldaten über den gelöst körperfrohen Tanz des Liebhabers bis zum tierischen Schleichen und Fliehen des Schmugglers: „natürlicher“ Gang bricht in die „klassische“ Ballettstilisierung ein.