Im Obergeschoß des Bekleidungskaufhauses Ott & Heinemann auf der Frankfurter Einkaufsstraße Zeil logieren einige hundert Brieftauben. Sie gehören dem 74jährigen Erich Heinemann, der das Federvieh regelmäßig füttern kommt.

Seit August vorigen Jahres passiert der betagte Taubenzüchter fremde Geschosse, wenn er im Lift unter das Dach fährt. Seit dieser Zeit nämlich gehört sein Kaufhaus der Kölner Kleider-Kette Dyckhoff. Ihr Chef, Dr. Knut Urban Bellinger, 41, gab mit der Zusicherung, Heinemann könne auch nach einer Übernahme des Hauses seine Tauben unter dem Dach unbefristet Hauses lassen, den letzten Anstoß dazu, daß der verkaufswillige Frankfurter Konfektions-Kaufmann seine Firma mit vier weiteren Filialen in Offenbach, Hanau, Höchst und Wetzlar an Dyckhoff veräußerte und nicht an einen der ebenfalls interessierten Warenhaus-Konzerne.

Die Kaufhaus-Gruppe H. Dyckhoff KG erlebte in den letzten Jahren den stürmischsten Aufschwung unter den führenden Filial-Unternehmen des deutschen Bekleidungs-Einzelhandels. Innerhalb von drei Jahren steigerte die Firma ihren Umsatz von 87 Millionen (1967) auf 246 Millionen Mark (1970). Sie ließ damit so bekannte Kaufhaus-Ketten wie Peek & Cloppenburg in Hamburg und Düsseldorf, sowie Hettlage-Nord in Münster und Hettlage-Süd in München hinter sich. Weit vor den Kölner Aufsteigern – mit dem zehnfachen Umsatz – rangiert allerdings Deutschlands führender Einkleider, die Firma C & A Brenninkmeyer, die im vergangenen Jahr mehr als 2,7 Milliarden umsetzte.

An die zweite Position stieß Dyckhoff unter der Führung eines Managers vor, der noch vor etwas mehr als zehn Jahren ganz andere berufliche Ziele verfolgte als Anzüge und Mäntel zu verkaufen. Bellinger, als Sohn des früheren Kulturdezernenten der Stadt Oberhausen geboren, absolvierte nach dem Studium der Betriebswirtschaft ein Praktikum bei der Deutschen Bank, arbeitete anschließend zwei Jahre in einem Wirtschaftsprüfer-Büro und trat nach der Promotion (Thema: Aktienrechtsreform) 1956 in die Dienste von Ford in Köln, wo er sich als Direktions-Assistent des Verkaufschefs vor allem mit der Händlerberatung und Verkaufsförderung der faßte. An seinem Berufsweg hatte zunächst noch nicht die Tatsache etwas zu ändern vermocht, daß er 1955 Marga Dyckhoff, das einzige Kind des Kölner Kaufhaus-Besitzers Joseph Dyckhoff, geheiratet hatte. Doch immer öfter versuchte Dyckhoff, seinem Schwiegersohn das Angebot schmackhaft zu machen, in die Geschäftsführung der Handelsfirma einzutreten und in absehbarer Zeit ihre Führung zu übernehmen. Doch die Kronprinzen-Rolle in der seinerzeit erst aus vier Kaufhäusern bestehenden Filialkette (Umsatz 1958/59: rund 30 Millionen Mark) reizte Knut Bellinger wenig. Der Dyckhoff-Chef heute: „Für die ganze Konfektion fehlte mir jedes Gefühl.“

Um ihn für seinen Plan doch noch zu gewinnen, bot Josef Dyckhoff Bellinger schließlich an, an seiner Stelle die Position eines persönlich haftenden Gesellschafters zu übernehmen; er selbst wollte sich dann als Kommanditist auf sein Altenteil in Baden-Baden zurückziehen. Der junge Auto-Kaufmann bat sich eine einjährige Probezeit aus. 1961 hatte der Kaufhaus-Chef sein Ziel erreicht: Bellinger übernahm die Führung des kleinen Unternehmens, nur ein Jahr später starb Josef Dyckhoff bei einem Besuch in Köln.

Das 1886 von Hermann Dyckhoff mit der Einrichtung eines „Confections-Hauses“ in Hamburg gegründete Unternehmen hatte in der Vorstellung der meisten Bundesbürger zu dieser Zeit eher unattraktive Züge: Befragte verbanden mit seinem Namen Begriffe wie „konservativ“, „sehr seriös“ und „ein bißchen alt“. Bellinger: „Jeder Sarg, der auf den Friedhof getragen wurde, war ein Dyckhoff-Kunde weniger.“

Mit Hilfe der Düsseldorfer Werbeagentur Team verjüngte der schneidige Dyckhoff-Chef Sortiment, Präsentation und Werbung seiner Kaufhäuser. Er richtet in seinen Verkaufs-Geschossen moderne „Adams shops“ ein und schuf Pendants auch für Frauen, um die sich die auf Herrenkleidung spezialisierten früheren Kaufhausherren nicht gekümmert hatten.