Mehr Platz, mehr Freiheit

Von Kai Krüger

Vier oder fünf Kinder drängten aus der Tür des Klassenzimmers, gefolgt von ihrer Lehrerin. Sie brachten zwei Bücher mit. Die Lehrerin, ein Twen, sagte: „So, wenn ihr lesen wollt, legt euch hier vor die Tür, dann habt ihr eure Ruhe, und die andern auch.“ Die Helden ließen sich bäuchlings auf dem Boden nieder und vertieften sich in ihre Lektüre. Die Lehrerin, Dorothea Reininghaus, Biologie und Bildhaftes Gestalten, ging zurück ins Klassenzimmer. Die Tür blieb offen.

Mitten auf dem Gang kniete ein Junge auf einem freistehenden Schreibmöbel. Wir sahen ihmüber die Schulter. Schulleiter Wind, mit dem ich diesen ersten Rundgang durch den Pavillon machte, fragte ihn: „Was machst du denn da gerade?“ Der Junge schrieb mit Bleistift Ziffern auf einen recht verschlüsselt aussehenden hektographierten Bogen. „Ich rechne das hier aus. Aber ich krieg’s nicht hin, es geht nicht auf.“ Sprach’s und wandte sich wieder seinem Zettel zu.Aus der Klasse, vor deren Tür er sich aufgebaut hatte, drang mächtiger Lärm nach draußen. „Ist da auch Unterricht?“ fragte ich den Schulleiter, „Mal sehen, was die da machen.“ Er öffnete die Tür. Jungen und Mädchen saßen an oder auf Tischgruppen und diskutierten. In einer der Gruppen hockte der Lehrer und diskutierte mit seinen Tischnachbarn. Uns nahm man nicht weiter zur Kenntnis. „Laut, aber Sie sehen, es wird gearbeitet“, sagte Wind zu mir. Dann entschuldigte er sich: „Sehen Sie sich ruhig um. Ich bin vorn im Büro.“

In der Klasse gegenüber saßen alle Schüler im Kreise, Dr. Hermann Schnepf, Deutsch und Förderunterricht, mitten unter ihnen. Das Thema ließ sich nicht feststellen. Später erklärte Schnepf mir: „Wir waren gerade dabei, unsere Faschingsfeier zu planen.“ Zwei Jungen, die sich gemeinsam einen Tisch unweit der Tür teilten, auf dem sie hockten, trugen ihre Meinungsverschiedenheit gerade mit Fäusten aus. Lehrer Schnepf ignorierte die beiden, zumal sie sich sehr schnell einigten, um sich einem Mädchen zuzuwenden und es vom Stuhl zu schubsen. Ansonsten war der Gesprächskreis mit Eifer, Engagement und lauten Reden bei der Sache.

Niemand redet drein

Draußen auf dem Gang legte ich einen neuen Film ein. Ein kleiner Steppke kam vorbei. In der Weinheimer Modellschule kann jeder Schüler während des Unterrichts weggehen, wenn ihm nach Weggehen zumute ist. Da redet ihm niemand drein. Er blieb interessiert stehen und beäugte meine Kamera. Er fragte, wieviel Aufnahmen auf den Film gingen, und sagte, sein Großvater habe auch eine Kamera, eine ganz lange sogar. Zwei Jungen aus einer anderen Klasse kamen hinzu, schließlich noch einer. Jeder wollte mal durch den Sucher sehen, wollte wissen, wie das Bild auf den Film kommt und was die Ziffern auf dem Objektiv bedeuten. Dann trollten sie sich gemächlich wieder in ihre Klassen. Einer nahm noch eine Coca-Cola mit aus einem Automaten an der Wand.